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Kommentar : Stigma der Mittelmäßigkeit

„Man kann, ganz einfach, den nicht würdigen, den man nicht versteht“, schrieb Arno Schmidt in seinen Überlegungen zum Nobelpreis. Bild: dpa

Eine Reform? Oder gleich eine neue, internationale Jury? Mitten in der Krise der Schwedischen Akademie fehlt es nicht an Vorschlägen, wie die Vergabe des Literaturnobelpreises neu gestaltet werden könnte. Dabei gab es schon 1955 gute Ideen.

          Belästigungen, undurchsichtige Geschäfte, Geheimnisverrat, wechselseitige Beleidigungen: Lange Zeit konnte man sich fragen, ob die Stockholmer Akademie all die unschönen Vorwürfe und Gerüchte, die sich an Mitglieder und deren Angehörige knüpften, nicht einfach aussitzen würde. Nun, da das Kind nach einer Rücktrittswelle bis hin zur drohenden Lähmung für alle sichtbar in den Brunnen gefallen ist, fehlt es nicht an Vorschlägen, wie die Akademie und mithin auch die Vergabe des Literaturnobelpreises neu organisiert werden kann.

          Die einen fordern, die Akademie solle von ihren Aufgaben entbunden werden, man möge stattdessen lieber eine neue, internationale Jury berufen und dabei die Menschheit möglichst gerecht repräsentieren, was zu einem steilen Anstieg des chinesischen Anteils an Nobelpreisträgern führen könnte. Die anderen fordern, die Akademie selbst zu reformieren, um sie wieder voll beschlussfähig zu machen, und tatsächlich ist es nicht schön, wenn von achtzehn Mitgliedern sieben einfach nicht mehr dabei sein wollen, ihre Stühle aber auch nicht für neue freimachen dürfen.

          Das verstehen sie

          Der schwedische König will das ändern, wie genau aber ist ebenso unklar wie ob er das überhaupt darf. All das wirkt hilflos, dabei liegt seit 1955 der bedenkenswerte Vorschlag eines Autors vor, der den Preis zwar nie bekommen, aber immerhin über die Vergabe nachgedacht hat und warum ihn zu seiner Zeit so viele Schweden, Dänen und Norweger bekamen. „Man kann, ganz einfach, den nicht würdigen, den man nicht versteht“, schrieb Arno Schmidt in seinen Überlegungen zum Nobelpreis, den er „Stigma der Mittelmäßigkeit“ nannte: „Das ist eben auch der Grund, warum die Skandinavier so unproportionierlich hohen Anteil am Preise haben: das verstehen sie, die Herren schwedischen Verteiler!“

          Was tun? Schmidt schlug vor, den Preis abwechselnd in unterschiedliche Länder zu vergeben und dort dann den Preisträger zu bestimmen. In Deutschland, schlug er vor, solle die Summe durch fünf geteilt werden: den ersten Preisträger wählt der Bundespräsident („damit ist für die staatserhaltenden Schriftsteller gesorgt“), den zweiten die deutsche Akademie in Darmstadt, den dritten die CDU, damit auch christliche Autoren eine Chance hätten, den vierten „die Ostzone“. Das letzte Fünftel aber „wird ausgelost: das ist dann die Chance für die wirklich Unsterblichen: Wen’s trifft, den trifft’s! Iss ja doch wurscht!“ Gestern teilte die Schwedische Akademie mit, dass eine Untersuchung tatsächlich Unerlaubtes zutage gefördert habe, dass Preisträger vorab verraten worden seien und es fragwürdige Zahlungen gegeben habe. Die Nobelpreisvergabe aber sei auch in diesem Jahr gesichert. Vielleicht hat sie sich in Bargfeld beraten lassen.

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