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Kommentar : Wir sind Altöttinger

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Am Dultplatz soll es um 13 Uhr losgehen. Und in Neuötting soll sich drei Stunden später alles auflösen. Was dazwischen geschehen wird, weiß bislang nur der Himmel. Wird der Zug über die Maria-Ward-Straße umgeleitet, oder dringt er ...

          Am Dultplatz soll es um 13 Uhr losgehen. Und in Neuötting soll sich drei Stunden später alles auflösen. Was dazwischen geschehen wird, weiß bislang nur der Himmel. Wird der Zug über die Maria-Ward-Straße umgeleitet, oder dringt er über die Burghauser Straße an der Polizeidienststelle vorbei ins Allerheiligste vor, bis auf den Kapellplatz? Wo werden sich die Gegendemonstranten formieren, vor dem Hotel "Zur Post" des ehemaligen bayerischen Finanzministers G. Tandler, oder - zur Abwehr des Bösen - unmittelbar vor der Gnadenkapelle? Es wird sich was rühren, an diesem Samstag, dem 3. Juli, in Altötting. Denn ausgerechnet das "Herz Bayerns", einen der berühmtesten Wallfahrtsorte der katholischen Kirche, hat sich der dortige Kreisvorsitzende der Grünen als Austragungsort für den "Christopher Street Day" einfallen lassen. Der 3. Juli wird in Altötting bislang nicht als verspäteter Faschingszug von dreiviertelnackten Lesben und Schwulen begangen, sondern als Fest des Apostels Thomas, der als der große Zweifler an der Auferstehung Jesu in die Evangelien einging. Das hätte der Paradenorganisator Grahammer eigentlich wissen können, heißt er doch Thomas mit Vornamen. Aber weil er ein Zugereister aus München ist und erst seit eineinhalb Jahren in Altötting wohnt, ist das vielleicht zuviel verlangt. Zumindest hätte er aber mitbekommen müssen, daß Altötting nicht Berlin oder New York ist, eher im Gegenteil. Schon deswegen wirkt sein Plan so, als würde ein Altöttinger Bauunternehmer eine Genehmigung für eine Marienkapelle in Mekka beantragen. Grahammer tut freilich arglos und sagt, man wolle der Welt beweisen, "daß Altötting auch andere Gesichter zu bieten hat als die Wallfahrtskirche, daß sie eine freie Stadt mit weltoffenen, aufgeklärten Bürgern ist". Um diesen Anspruch politisch zu unterstreichen, hat die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, die in solchen Fällen epidemisch auftretende Claudia Roth, ihr Kommen zugesagt; weiter auf der Gästeliste steht Udo Lindenberg. Der Berliner Bürgermeister Wowereit kann nicht kommen, will aber eventuell die Schirmherrschaft übernehmen. Die Reaktionen in der 12 500-Seelen-Gemeinde sind entsprechend harsch ausgefallen, ist die Stadt doch bislang nicht als Homosexuellen-Hochburg, sondern seit 1489 als Hort der Marienverehrung bekannt, den jährlich eine Million Pilger besuchen. Als erstes hat der Stadtpfarrer sein Veto eingelegt, dann der zuständige Bischof aus Passau: Wilhelm Schraml sprach von einer "ungeheuren Provokation", einer "Verhöhnung des Glaubens". Sein Sprecher forderte "religious correctness" und mahnte dringend, von dem Plan abzulassen. Eine Leserbriefschreiberin apokalyptelte in der Lokalpresse: "Immer öfter müssen wir Christen miterleben, daß Satan, der Durcheinanderbringer, umherschleicht, ja heutzutage tanzt und tollt, da man ihn verleugnet, um die Menschen durch die vielen Vergnügungen und Süchte zu verführen und zu verschlingen in sein finsteres Reich - das ewig existiert." Womöglich hat doch die berühmteste Rockband der Stadt, "Die Nuts", recht, die sich 1995 in dem Song "Aus einer heiligen Stadt" den Berlin-Frust von der Seele sang: "Ist nicht alles irgendwie ein größeres Altötting?" Zur Klärung der Lage wäre ein Fingerzeig der Schwarzen Madonna hilfreich.

          hhm

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