24.10.2004 · Wir nehmen zur Kenntnis: Das schönste deutsche Wort lautet "Habseligkeiten". Dann kommt die "Geborgenheit" und erst dann das wichtige Verb "lieben". Schließlich der "Augenblick". Das gab die Jury des Deutschen Sprachrats gestern im WDR bekannt.
Wir nehmen zur Kenntnis: Das schönste deutsche Wort lautet "Habseligkeiten". Dann kommt die "Geborgenheit" und erst dann das wichtige Verb "lieben". Schließlich der "Augenblick". Das gab die Jury des Deutschen Sprachrats gestern im WDR bekannt. Lange ist nach diesem schönsten aller deutschen Wörter gefahndet worden, nachdem der Deutsche Sprachrat und das Goethe-Institut im Frühjahr zur Suche aufgerufen hatten. Die Einsendungen kamen aus über einhundert Ländern und stammten zu 65 Prozent von Frauen. Das Durchschnittsalter der Einsender betrug 39 Jahre. Soweit die nüchternen Fakten. Was machen wir jetzt damit? Der in der Hälfte des Lebens angekommene Deutsche, insofern er in seiner Sprache wohnt, beziehungsweise der Deutsch Sprechende, insofern er sich in der deutschen Sprache heimisch weiß, denkt offenbar zuerst an seine sieben Sachen: Was man hat, hat man. "Habseligkeiten" erinnerte die Jury an die beiden Wörter haben und Seligkeit, also an ein Haben im Horizont des Glücks. Sind nun aber damit nicht Eigenheim, Auto, Waschmaschine und dergleichen gemeint? Es findet der deutsche Mensch, wie wir ihn aus diesen Wörtern der deutschen Sprache gewonnen haben, im Lebenszenit seine Geborgenheit erst, wenn er seine Habseligkeiten um sich gehortet hat. Die deutsche Geborgenheit umgibt sich insofern gerne mit dem Flair des Habens im Horizont des Glücks. Wir aber nennen das: Bauen auf Kredit, Wohnen mit Schulden. Das dann in einer so verzwickten Lage nur das Lieben weiterhelfen kann, muß jedem unmittelbar einleuchten, der je geschäftlich mit Bankern zu tun hatte. Habseligkeiten und lieben: beide Wörter wecken den Gedanken an den Weltbestseller des Psychoanalytikers Erich Fromm über das unbestimmte Sein und das ebenso unbestimmte Haben, der Generationen den Weg gewiesen hat, mehr an den Augenblick als an eine Stätte der seligen Begegnung zu glauben und nicht immer an die Karriere als einen harschen Kampf um wenige Plätze. Insofern wundert es uns nicht, daß der "Augenblick" auf dem vierten Platz gelandet ist. Die Jury, in der neben Jutta Limbach unter anderen der Sänger Herbert Grönemeyer und der Schriftsteller Uwe Timm tätig waren, beschreibt offenbar mit Worten ihr eigenes Generationsprofil. Die vier Wörter weisen aber auch einen Weg zum "Faust" und zu dessen Problemen mit dem Verweilen des Augenblicks und mit den Folgen der geschlechtlichen Liebe, so wie ja die Habseligkeiten zum Eingangsmonolog eine eiserne Brücke schlagen: "Hab' nun ach" - gefolgt vom Bekenntnis, mit dem Haben geistiger Güter nicht weiter in der Seligkeit und in der Geborgenheit im Weltganzen gekommen zu sein. Lebt, fragen wir uns deshalb, das Faustische mehr in den Frauen weiter? Stellt sich heute nicht die Gretchen-, sondern die Heinrichfrage? Dahin gehend: Was macht man mit dem Heinrich nach der Nacht? Die Angst vor einer Verheinrichung wird die Männer, die ihre Wortvorschläge einsandten, vielleicht zur "Geborgenheit" beflügelt haben, sicherlich die männliche Seite der Jury. Daß unter den von Kindern vorgeschlagenen Wörtern auf Platz eins die "Libelle" flog, macht einen unbefangenen Beobachter wegen der Rechtschreibtücken (möglich, aber falsch wäre ja: Lybelle) stutzig, stimmt aber hoffnungsfroh: Diese Generation könnte aus dem Wirkungsfeld des Faustischen, auch aus dessen unbewußtem Wortfeld, endgültig herausfinden.
rtg