Man stelle sich einmal vor: Ein englischer Regisseur würde mit deutschen Schauspielern an einem deutschen oder auch österreichischen Theater in Koproduktion mit einer englischen Bühne das neue Werk eines deutschen Dramatikers zur Uraufführung bringen, und die Uraufführungspremiere wäre, sagen wir mal, in Wien, und erst zehn Tage darauf wäre die Aufführung dann, sagen wir mal, in London. Und es würden englische Kritiker den Wunsch äußern, Premierenkarten für Wien zu bekommen. Was würde dann geschehen? Würden die Wiener Bühnenpressestelledamen die Herren aus London in die bestmögliche Kritikerreihe im Theater setzen und die Deppen vom Kontinent viel weiter hinten? Würden sie die Herren mit einem strahlenden Lächeln empfangen? Würden sie ihnen das deutsche Stück selbstverständlich englisch übertitelt darbieten und ihnen in der Pause die vom Mitschreiben müden Händchen halten? Ihnen nach der Premiere einen roten Teppich vom Theater zum Hotel legen und darauf achten, daß ihr Fuß nicht stoße an einen Stein? Oh ja, all dies würden diese Bühnenpressestellendamen tun - und noch viel mehr. Und: Wäre man stolz in Wien, daß man auch in London wahrgenommen wird von den großen und kleinen Theaterkritikern des Vereinigten Königreiches? Oh ja, man wäre. Und in Berlin oder München oder Buxtehude wäre man dies im vergleichbaren Falle auch. Man würde denken: Europa! Kultur! Völkerverständigung! Und das ist ja auch gut so. Auch wenn es womöglich typisch deutsch oder österreichisch und blöde ist, vor jedem Ausländer auf dem Bauch zu liegen und dem ersten Gebot des deutschen Theaterkatechismus zu huldigen: Liebe deinen Kritiker wie dich selbst, aber deinen ausländischen mehr als deinen einheimischen. Nun stelle man sich das jedoch einmal anders herum vor. Denn jetzt, wo Luc Bondy, Chef der Wiener Festwochen und einer der großen europäischen Regisseure deutscher und französischer Zunge, mit englischen Schauspielern in Koproduktion mit Wien des Briten Martin Crimp neues Stück "Cruel and Tender" (Grausam und zärtlich) zuerst am Londoner Young Vic uraufführt und zehn Tage später in Wien zeigt - jetzt teilen einem die Londoner Bühnenpressestellendamen mit, daß man ihnen als deutscher Kritiker ("O, I don't know, where you come from") total schnuppe ist, daß man sich bitte schleichen und sich die E-Mails sparen möge und daß man Premierenkarten für die Londoner Uraufführung selbstverständlich nur britischen Kritikern reservieren werde ("We are full"). Man möchte in England unter sich sein. Soviel zum Kulturaustauschklima im demnächst ziemlich erweiterten Europa. Ich habe dann aber das Stück gelesen, zuerst auf englisch, dann in drei Dutzend deutschen Übersetzungen. Und finde nun aber, daß es völlig in Ordnung geht, daß die in London unter sich bleiben wollen, wenn Herakles als eine Art Super-Bush die Welt vom Terror säubert und deshalb an einem vergifteten T-Shirt sterben muß, während seine Frau Amelia-Barbara es mit dem Lieblingsscharfmacher (Rumsfeld? Cheney?) von Herakles-Bush treibt und die farbige Dritte-Welt-Geliebte von Herakles-Bush sagt, nachdem alles im Eimer ist: "Den Dreck wegzumachen? Das ist euer Job." (Clear up the mess? That is your job.) Da muß ich womöglich wirklich nicht dabeisein. Weder in London. Noch in Wien.
G.St.