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Kommentar zu Thalia : Traditionshaus mit Mafia-Methoden

Die Kleinen haben das Nachsehen: Thalia-Filiale in Wuppertal Bild: dpa

Mit der Methodik der Schutzgelderpresser: Thalia setzt kleine Buchhandlungen und Verleger unter Druck. Wer das Angebot nicht annimmt, dem wird subtil mit Vernichtung gedroht.

          Thalia ist die Muse der leichten Dichtung, und daran muss sich ein findiger Konzernentwicklungsplaner der nach ihr benannten Buchhandelskette erinnert haben, als er kürzlich ebenso leichthändig wie -fertig einen Serienbrief aufsetzte, den er an zahlreiche Buchhändler aus überwiegend süddeutschen Kleinstädten verschickte. Er beginnt so: „Aktuell suchen wir in \[der jeweiligen Stadt\] ein Mietobjekt, um im Rahmen unserer Expansionsstrategie eine Thalia-Buchhandlung zu realisieren. Alternativ zur Eröffnung einer neuen Filiale besteht grundsätzlich auch die Möglichkeit, mit lokalen Buchhändlern im jeweiligen Expansionsgebiet hinsichtlich einer Übernahme in Gespräche einzutreten. Vor diesem Hintergrund wende ich mich an Sie, ob ein Verkauf Ihrer Buchhandlung an Thalia für Sie derzeit eine prüfenswerte Alternative darstellt?“ Alternative wozu? Zu der Überlegung, mit einer in unmittelbarer Nachbarschaft angesiedelten Filialbuchhandlung von gewohnt geringem inhaltlichen Anspruch, aber konzernbedingt langem finanziellen Atem die alteingesessene lokale Kleinkonkurrenz plattzumachen.

          Man glaubt sich in einem Szenario, wie man es sonst vom organisierten Verbrechen kennt: Überlegen Sie doch einmal, wie sehr wir Ihnen das Leben zur Hölle machen können. Geben Sie doch lieber gleich nach. Dass einige der Adressaten dieses unwiderstehliche Angebot nicht angenommen, sondern ausgeplaudert haben – an den Börsenverein als ihren Interessenverband, der das jetzt über seine Branchenzeitschrift „Börsenblatt“ öffentlich machte –, dürfte vom Absender durchaus beabsichtigt gewesen sein, zeigt es doch nur, dass guter Ruf und Anstand Thalia nicht interessieren, was die Drohung nur noch glaubwürdiger macht. Vor wenigen Monaten erst flatterte aus demselben Haus bei Kleinverlagen die Aufforderung ein, sich mit einem einmaligen Zuschuss an den Werbekosten von Thalia zu beteiligen, sonst sei die langfristige Vertriebsleistung leider in Frage gestellt. Ein Verleger, der dieser Zeitung Auskunft gab, bezifferte die angebliche „Vertriebsleistung“ von Thalia auf drei verkaufte Bücher, die von ihm geforderte Summe aber auf 150 Euro.

          Wenig später folgte dann eine schriftliche Aufforderung an rund tausend Verlage, Thalia einen pauschalen „Verkaufsförderungsbonus“ zu bezahlen. Auf Anfrage des „Börsenblatts“ erklärte Thalia, man habe all jene Häuser angeschrieben, mit denen man noch keine individuellen Vereinbarungen habe. In Deutschland gibt es mehr als zweitausend Verlage. Was nichts anderes heißt, als dass solche Zuwendungen „individuell“ längst üblich sind. Thalia ist diesbezüglich ein echtes Traditionshaus: Schon vor mehr als einem Jahrzehnt wurde bekannt, dass die Buchhandelskette große Verlage aufgefordert hatte, sich an Neueröffnungen und Renovierungen von Filialen finanziell zu beteiligen. Hat man diesen Plan angesichts der nun zu erwartenen Filialangebote womöglich wiederbelebt? Zusammengenommen ergäbe das ein hübsches Finanzierungsmodell. Thalia ist fortan die Muse der Mafia.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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