29.02.2004 · Nach Walsers Wechsel zum Rowohlt Verlag wird deutlich, daß zwei wichtige deutsche Verlage um eine Neupositionierung bemüht sind. Walser legte die Gründe für seinen Abschied in einem offenen Brief dar.
Nach Walsers Wechsel zum Rowohlt Verlag (F.A.Z. vom 18. Februar) wird deutlich, daß zwei wichtige deutsche Verlage um eine Neupositionierung bemüht sind. Wenn ein Verleger einen neuen Autor umwirbt, ist in der Regel eine strategische Überlegung damit verbunden. So war es kein Zufall, daß Siegfried Unseld vor sieben Jahren persönlich nach Budapest reiste, um den ungarischen Schriftsteller Imre Kértesz für seinen Verlag zu gewinnen.
Daß Walsers Abschied nach fast fünf Jahrzehnten eine langjährige Vorgeschichte hat, macht der Schriftsteller jetzt selbst in einem offenen Brief an die Mitarbeiter des Suhrkamp Verlages deutlich. In dem Schreiben, das der "Spiegel" in seiner heutigen Ausgabe dokumentiert, stellt Walser drei Ereignisse in einer Chronologie der Entfremdung nebeneinander: seine Rede auf den jüdischen Gelehrten Viktor Klemperer von 1995, die Paulskirchenrede von 1998 und die Publikation des Skandalbuches "Tod eines Kritikers" im Jahr 2002.
Lyyalität vermißt
Dreimal wurde Walser in der Öffentlichkeit heftig kritisiert, dreimal sah er sich auch im eigenen Verlag umstritten und vermißte jene Loyalität, wie sie ihm der damalige Suhrkamp-Geschäftsführer Günter Berg entgegenbrachte. Als Berg zu Hoffmann und Campe wechselte, galt vielen Beobachtern als ausgemacht, daß Walser ihm über kurz oder lang folgen würde. Daß es überraschend anders kam, dürfte seine Gründe in der unterschiedlichen Programmpolitik beider Verlage haben.
Nach öffentlich zelebriertem Zögern entschied sich Walser für Rowohlt und Alexander Fest, der einerseits mit internationalen Bestseller-Autoren wie Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides erfolgreich war und andererseits mit Lothar Machtans umstrittener Hitler-Studie, Thor Kunkels unveröffentlichtem Roman "Endstufe" und Nima Zamars fragwürdigem Bericht aus dem israelischen Geheimdienst dem Haus Rowohlt schmerzhafte Skandale bescherte.
Vertrag nichtig
Jetzt wurde in einem Zeitungsbericht fälschlich behauptet, Walser würde den Suhrkamp Verlag mit seinem umfangreichen Gesamtwerk verlassen, spätestens nach fünf Jahren würden die Rechte an den Autor zurückfallen. Tatsächlich kann Walser seine Bücher nicht ohne weiteres mitnehmen. Sein Vertrag, der wie viele Autorenverträge einige Sonderregelungen enthält, räumt dem Autor zwar ein Kündigungsrecht nach dem Ausscheiden oder dem Tod Siegfried Unselds ein, verpflichtet ihn aber auch, dem Suhrkamp Verlag "auf die Dauer des Vertrages (einschließlich der Fünfjahresfrist) die für eine Buchpublikation möglichen Manuskripte anzubieten".
Diese Klausel ist allem Anschein nach bereits verletzt worden, damit dürfte der Vertrag nichtig sein. In dieser Situation spricht manches dafür, daß die Rechte an den früheren Büchern des Nobelpreisträgers Imre Kertész, die beim Rowohlt Verlag liegen, jetzt doch noch einen Weg zu Suhrkamp finden werden. Im "deutschen Mosaik", wie Walser einen seiner frühen Aufsätze überschrieb, zeichnet sich also eine bemerkenswerte Verschiebung ab.
Denn womöglich wird Martin Walser seine "Deutschen Sorgen" und die anderen Titel seines Gesamtwerks nur zu Rowohlt mitnehmen können, wenn im Gegenzug der frühere Rowohlt-Autor Kertész mit seinen Gesamtrechten dorthin gehen kann, wo er sich schon seit Jahren wohl fühlt. Der Autor, der Auschwitz und Buchenwald überlebte und mit dem "Roman eines Schicksallosen" Weltliteratur schrieb, hätte dann mit seinem Gesamtwerk im Verlag Benjamins, Adornos, Scholems und Sempruns eine neue Heimat gefunden und die Geometrie der deutschen Verlage verändert.