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Kommentar Schutzlos

05.11.2004 ·  Pim Fortuyn, Anna Lindh und Theo van Gogh: Politisch drapierte Morde lassen erst recht dann erschaudern, wenn sie in Ländern verübt werden, die sich lange ihrer Offenheit und ihrer Freundlichkeit gegenüber Ausländern gerühmt haben.

Von Thomas Schmid
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Pim Fortuyn, Anna Lindh und Theo van Gogh: Politisch drapierte Morde lassen erst recht dann erschaudern, wenn sie in Ländern verübt werden, die sich lange ihrer Offenheit und ihrer Freundlichkeit gegenüber Ausländern gerühmt haben. In allen drei Fällen ist der Kontrast zwischen der Grausamkeit der Tat und der demonstrativen Arglosigkeit dieser liberalen Duzgesellschaften ganz besonders groß. Die Mordtaten wirken wie der unerklärliche Einbruch eines fremdartigen Bösen in den Garten der Friedfertigkeit.

Einen Hauch von Berechtigung hat diese erstaunte Wahrnehmung ja auch. Es irrt, wer zu direkt eine Verbindungslinie zwischen offener Gesellschaft und dem Aufkeimen von Gewalt zieht. Morde wie diese können überall geschehen. Nach allem, was man weiß, war der Mörder des niederländischen Politdandys Fortuyn ein krankhafter Tierschützer, und auch der Mörder der schwedischen Außenministerin Lindh scheint ein Einzeltäter gewesen zu sein.

Und doch geht es wohl um mehr als die "normale" Pathologie wertegewandelter moderner Gesellschaften. Das machte nun unmißverständlich der Mord an dem provokanten Filmemacher und Publizisten Theo van Gogh deutlich. Selbst wenn der 26 Jahre alte Täter mit niederländischem und marokkanischem Paß ein letztlich isolierter Verstörter sein sollte (wofür der rituelle Furor seiner Tat spricht), war jedem Niederländer augenblicklich klar, daß hier ein Nerv des Gemeinwesens getroffen wurde. Gleichgültig, ob der Täter in ein islamistisches Terrornetzwerk verwickelt war oder nicht - der Mord zog mit Macht eine bisher nicht vollends zugelassene Erkenntnis ans Licht der Öffentlichkeit: In läßlicher, bequemer Liberalität ist das Land bisher zu nachsichtig mit den Schattenseiten umgegangen, die jede Einwanderungsgesellschaft aufweist und die - wie alle Erfahrung zeigt - dann um so größer sind, wenn es sich bei der Mehrheit der Eingewanderten um Muslime handelt.

Nach einem halben Jahrhundert forcierten Wohlgefallens steht das liberale Credo zur Debatte. Ihm zufolge verdient die offene Gesellschaft nur dann diesen Namen, wenn sie in einem sehr direkten Sinne offen war. Der Gedanke, daß die Offenheit das Gegenstück der demokratischen Wehrhaftigkeit und der Grenzziehung braucht, war unter die Ladentheke verbannt. Und er wurde nie den Ruch los, sein eigentliches Motiv sei ein völkisches. Kein Zweifel, das liberale Credo hatte großen Zauber. In ihm schien die Abkehr von der mörderischen Völkerfeindschaft, die noch die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts geprägt hatte, endgültig Gestalt anzunehmen. Nicht Pickelhaube, Polizei und Wehrhaftigkeit schützten das Gemeinwesen. Ganz im Gegenteil: Weil die offene Gesellschaft soweit als irgend möglich auf gewaltuntermauerte Autorität verzichte, erweise sie sich als unvergleichlich attraktiv, siegreich und kraftvoll. Und der Paradefall dieses Mythos war die Einwanderung: Je mehr eine Gesellschaft bereit sei, den Zutritt von Ausländern zuzulassen, um so reifer sei sie. Das hieß umgekehrt: Jede Restriktion konnte nur als Rückfall gewertet werden.

Dabei gerieten einfache Einsichten - an die Pim Fortuyn ebenso erinnert hat wie Theo van Gogh - zunehmend in Vergessenheit. Etwa die, daß die schlichte Tür-auf-Rhetorik verfehlt ist. Gewiß, eine moderne Gesellschaft braucht Türen, die Einwanderung ermöglichen - der Staat kann aber um seiner Integrität willen nie auf das Recht verzichten, auch den Schließmechanismus betätigen zu dürfen (ein Recht im übrigen, das sich die archetypische Einwanderungsnation, die Vereinigten Staaten, immer schon genommen hat). Diejenigen, die schon da sind, haben das Recht, die Regeln des Eintritts, des Austritts und des Benehmens festzulegen. Gewalt, Unsicherheit, versagende Schulen, verkommene Stadtlandschaften: Viele Schwierigkeiten, die europäische Einwanderungsgesellschaften heute nicht zu bewältigen vermögen, rühren auch daher, daß dieses Recht kleingeschrieben wurde.

Doch es geht nicht nur um Einwanderung im allgemeinen. Theo van Gogh sagte vor fünf Jahren: "Ich glaube, daß der Islam eine Religion ist, die unsere Freiheiten bedroht. Laßt es mich deutlich sagen: Ich glaube nicht, daß jeder Muslim gefährlich ist, und es wäre dumm, das zu denken. Es wäre aber noch dümmer, wenn man verneinen würde, daß unsere Freiheiten geschützt werden müssen." Man mag, die Einwände der Ja-aber-Fraktion vorwegnehmend, über Nuancen solcher Sätze streiten - unzweifelhaft treffen sie einen Punkt. Doch in der Mitte unserer Debatten haben Einsichten wie diese bisher nie Platz gefunden. Es ist alles andere als ein Zufall, daß es den schrägen Vögeln, den leicht anrüchigen politischen Clowns und den "Dorfnarren" (so van Gogh über sich selbst) vorbehalten bleibt, den Finger in die Wunde zu legen. Und daß solche Provokateure dann buchstäblich auf der Strecke bleiben, mag damit zu tun haben, daß Kriminelle oft ein feines Gespür dafür besitzen, wie Staat und Gesellschaft welche Rechte wie energisch für wen zu schützen entschlossen sind.

Der militante Islamismus ist eine winzige Kraft in Europa. Gefährlich ist er aber doch, weil viele Gesellschaften des Kontinents ihre Schutzlosigkeit sogar noch zur Tugend verklären. Als Tarik Ramadan, der damals noch junge Star der Schweizer und der französischen Muslimszene, vor vielen Jahren in seinem Wohnort Genf die Aufführung eines Stückes von Voltaire wegen angeblich islamfeindlicher Tendenz mit einer Kampagne erfolgreich verhinderte, war das sowenig ein Debattenthema wie vor wenigen Jahren der erfolgreiche Versuch von muslimischen Organisationen in Amsterdam, die Aufführung einer ihnen nicht genehmen Oper zu unterbinden. Bei alldem fällt stets die gleiche Unvereinbarkeit auf: Während die Institutionen und die Intellektuellen der Mehrheitsgesellschaft allenfalls verschämt mit solcher Unverschämtheit umgehen, versteht es die Gemeinde der Muslime virtuos, die Freiräume der freien Gesellschaft zu nutzen. Es steht (muslimische) Gemeinschaft gegen (laizistische) Gesellschaft. Leider ist jene vitaler als diese. Das sollte sich ändern.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2004, Nr. 260 / Seite 1
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