Home
http://www.faz.net/-gqz-p523
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Saison in Beton

03.09.2004 ·  Voll schaudernder Ehrfurcht erinnern wir uns hier und heute an einen der härtesten Werbesprüche der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts: "Beton - Es kommt darauf an, was man daraus macht".

Artikel Lesermeinungen (0)

Voll schaudernder Ehrfurcht erinnern wir uns hier und heute an einen der härtesten Werbesprüche der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts: "Beton - Es kommt darauf an, was man daraus macht". Es ging dabei nicht nur um die "materialimmanente Transzendenz der Geworfenheit ins Perennierende" (Immanuel W. Hegelegger), sondern ums Prinzip, wie es schon Shakespeare macbethmäßig formuliert hat: "Häßlich ist schön." (Foul is fair.) Der gegebene Anlaß dieser Erinnerung ist, wie könnte es anders sein, der bevorstehende Auftakt der deutschen Theatersaison: noch jeden Herbst eine Stimmung ähnlich der, bevor das Christkind kommt, das Glöcklein läutet und die Kinder in die gute Stube mit der angerichteten Bescherung stürmen dürfen. Wie aber erst die kindlichsten der Kinder, nämlich die Theaterkritiker! Auf deren Schreibtischen vor allen landen die Einladungen zur Bescherung. Die auffallendsten darunter handeln vom Beton. Eine Theatergruppe, die schon mal "Betonnen" heißt, hat, wie sie mitteilt, bereits unter dem Projekt-Titel "Ibsen Betonnen" den "Baumeister Solneß" in einem ehemaligen Fotolabor in Szene gegossen, "basierend auf dem musikalisch bearbeiteten Sound einer Betonmischmaschine und der Videoprojektion verfremdeter Fotografien Frankfurter Architektur". Jetzt will sie in einer ehemaligen Druckfarbenfabrikhalle Christian Dietrich Grabbes 1822 entstandenes Rache-, Haß- und Schlachtdrama "Herzog von Gothland" einbetonieren: als "Transmitter einer kaum noch zu durchschauenden Welt", wobei in einer "stilisierten Bühnenwohnung vier Performer unter ständiger Beobachtung durch Zuschauer, Kameras, Überwachungspersonal und ein Huhn" sich "weder durch widrige Wohnbedingungen noch durch mysteriöse äußere Einflüsse" irritieren lassen wollen. Das paßt wunderbar zu einer Einladung ins Münchner "Protheater". Dieses setzt auch ganz auf Beton, wenn auch noch mit nur einem "n". Mittels seiner "Monster-Idyllen (OR 4.2)" sucht es nach der "in Beton gegossenen nackten Idylle des Schutzes", dem "öffentlichen Flügel eines Geister-Raum-Schiffes". Dieser Flügel, "verbunden mit Tarzans Geburtshütte", soll "sich im Flug zur Ruine öffnen", wobei nichts Geringeres auf dem Spiele steht als die "Antwort des Theaters auf den geplanten Raketen-Schutzschild der USA und die geplante Verhinderung von Rohmilchkäse". Wobei darin, wie das beigelegte Bildmaterial belegt, auch eine nackte Jane (halb jung) und ein nackter Tarzan (doppelt dick) im Raumschiff offenbar einen Blumen- und Gemüseladen samt saftiger Melonen betreiben. Das sind nur zwei kleine Einladungen aus der großen tapferen deutschen Off-Theaterszene. Von der sich aber die große deutsche feige In-Theaterszene doch auch eine Beton-Scheibe abschneiden könnte. Vielleicht müßten auch beide Szenen endlich mal zusammengehen - denn die Off-Szene jagt ja längst dort, wo die In-Szene immer nur wildert. Das gesamte deutsche Theater fände endlich total zu sich selber: als eine ständig sich öffnende Ruine im Kampf für die Beibehaltung des Rohmilchkäses durch Raketen-Abwehr - in Tarzans Raumschiff aus fliegendem Beton. Selbstverständlich unter Beibehaltung allseits betonierter Subvention. Und unter der dramaturgischen Aufsicht eines Huhns. Wir wünschen der Saison 2004/05 hiermit alles, alles Gute. Und immer daran denken: Es kommt darauf an, was man daraus macht! Toi, toi, toi!

G.St.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2004, Nr. 206 / Seite 33
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 5