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Kommentar Passioniert

14.03.2004 ·  Ist Mel Gibsons Film "The Passion of the Christ", der diese Woche in unsere Kinos kommt, etwa eine vatikanische Auftragskunst? Wäre er es, könnte man noch am ehesten verstehen, daß sich der Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls zu dem Film äußert.

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Ist Mel Gibsons Film "The Passion of the Christ", der diese Woche in unsere Kinos kommt, etwa eine vatikanische Auftragskunst? Wäre er es, könnte man noch am ehesten verstehen, daß sich der Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls zu dem Film äußert. Doch der Vatikansprecher gab Laut, ohne daß der Vatikan auch nur einen Dollar für die Produktion lockergemacht hätte. Warum also hat sich Navarro-Valls geäußert? Die Äußerung selbst gibt Aufschluß über den Grund. In der italienischen Tageszeitung "Il Messagero" widersprach der Vatikansprecher dem Vorwurf, der Film sei antisemitisch, mit den Worten, der Film sei die "cineastische Transkription" der Evangelien. Wenn der Film "antisemitisch wäre, dann wären es auch die Evangelien". Die Äußerung erstaunt in mehrerlei Hinsicht. Sind nicht bestimmte Partien der Evangelien in der Tat lange Zeit mit einem antijudaistischen Akzent interpretiert worden? Und hat sich ein Antisemitismus nicht oft genug auch auf solche Interpretationen berufen können? Das Zweite Vatikanische Konzil, das derartige Deutungen korrigierte, ist gerade mal vierzig Jahre her - eigentlich eine zu kurze Zeit, als daß nun nahegelegt werden könnte, über den judenfreundlichen Charakter der Heiligen Schrift habe stets ein heiliger Konsens geherrscht. Nicht minder erstaunt die Einordnung des Filmes als "Transkription" der Bibel, ganz so, als sei mit dem Film nun ein quasiheiliger Text entstanden, wobei dann jeder Vorwurf, den der Film auf sich zieht, naturgemäß gleich auf die Bibel zurückschlägt. Wie das? Welches Verständnis pflegt der Vatikansprecher vom Mehrwert der Kunst? Dieser Mehrwert eröffnet selbstverständlich die Möglichkeit, daß ein Kunstwerk eine bestimmte Tendenz enthält, die der historischen Vorlage abgehen mag. Mit anderen Worten: Ein Film, dessen Drehbuch auf den vier Evangelien beruht, kann sehr wohl eine antisemitische Stoßrichtung haben, auch wenn den vier Evangelien selbst diese Stoßrichtung durch eine theologisch verbindliche Deutung verbaut sein sollte. Daß ein Vatikansprecher in Wahrnehmung seines Amtes als Sprachrohr der obersten Lehrautorität für ein frommes Hollywood-Spektakel, ja überhaupt für das Genre Film die Autorität und Integrität der Heiligen Schrift reklamiert, darf als eine Ungeheuerlichkeit gelten. Selbst wenn, sieht man recht, sich der Antisemitismusvorwurf für die meisten Filmkritiker erledigt zu haben scheint, so bleibt die Klärung dieses Vorwurfes eben der Kompetenz einer (theologisch informierten) Filmkritik vorbehalten und ganz und gar nicht dem Machtwort einer kirchenamtlichen Autorität. Was auch immer Navarro-Valls mit dem Begriff der Transkription im Auge hatte - allein die Tatsache, daß diese Transkription eine cineastische ist, macht sie gegenüber der Bibel autonom und läßt das Urteil des Vatikansprechers anmaßend scheinen. Ein noch so religiös gemeintes Kunstwerk ist nun einmal keine Offenbarungsquelle, Mel Gibsons Passionsfilm ebensowenig wie die Fresken der Sixtinischen Kapelle. Doch nicht genug, daß dem Vatikansprecher der Kategorienfehler unterläuft - er verwickelt in diesen Fehler auch noch ausdrücklich die Institution, für die er spricht. Daß der Papst nach Betrachtung des Films sich eines öffentlichen Kommentars enthalten habe, sei ebenso beredt wie "das anschließende Schweigen der Kirchenhierarchie", meint Navarro-Valls. Beredt in welcher Weise? Eben in der Weise, daß das Schweigen der Hierarchen für ihren Sprecher spreche: "Hier gibt es nichts Antisemitisches; anderenfalls hätten sie es denunziert", erklärt der Sprecher. Wer also schweigt, stimmt dem Passionsfilm zu? So viel passionierte Beredsamkeit macht den vorlautesten Sprecher stumm.

gey

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2004, Nr. 63 / Seite 39
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