16.01.2004 · Der eine ließ sich "Onkel Stein" nennen, der andere unterschrieb Hausmitteilungen mit "Gott": Thomas M. Stein, BMG-Geschäftsführer und Tim Renner, Geschäftsführer von Universal Deutschland, räumen ihre Posten - ein bemerkenswerter Exodus.
Wie kommt man aus der Krise? Indem man Projekte entwirft, die man immer wieder verschiebt. Indem man sich Berater ins Haus holt, die viel Geld kosten und die Frage aufwerfen, ob denn kein sachkundiges Personal im Haus ist. Eine Plattenfirma ist kein Verkehrsministerium, keine Bundesagentur für Arbeit und auch kein Bundesverteidigungsministerium. Oder doch? Auf jeden Fall ist die Musikindustrie neben den Buchverlagen eine der rücksichtslos expandierenden, dabei nach innen implodierenden Branchen, denen nun dämmert, um welchen Preis Firmenfusionen zu haben sind: um den Preis fortschreitender und kaum noch rückgängig zu machender Abschleifung des inhaltlichen Profils. Während die Harry-Potter-Romane die Bestsellerlisten der Belletristik verstopfen, verbreitet die Bertelsmann Music Group (BMG) zuversichtlich Meldungen, aus denen die Zahl der BMG-Künstler hervorgeht, die in den Hitparaden stehen. Daß beides, schon aus geschmacklichen Gründen, niemand für vernünftig halten kann, hinderte BMG und Sony nicht daran, ihre Musiksparten zusammenzulegen, was jetzt nur noch genehmigt werden muß.
Unterdessen steht der Plattenindustrie ein Desaster nach Art von Toll Collect ins Haus: Phonoline, eine industrieeigene, gebührenpflichtige Plattform für Musik im Internet, soll frühestens im März auf der Cebit vorgestellt werden; der Optimismus des Universal-Chefs Tim Renner, der den vergangenen Herbst in Aussicht gestellt hatte, scheint restlos aufgebraucht. Dies ist nur ein Symptom, aber ein blamables. Wenn es den Plattenfirmen, wie dem Verkehrsministerium, noch nicht einmal gelingt, ein Mittel zu ergreifen, das zumindest den eigenen Laden saniert und dem Verbraucher einleuchtet, wer gibt dann noch einen Pfifferling auf alles Gerede von Innovationen und Visionen? Die Luftblase, in der sich die beiden wohl wichtigsten Musikmanager dieses Landes eingerichtet haben, ist denn auch mit einem Knall geplatzt, wie man ihn nicht alle Tage hört: Tim Renner, Geschäftsführer von Universal Deutschland, und Thomas M. Stein, Geschäftsführer von BMG Deutschland, räumen ihre Posten - ein bemerkenswerter Exodus, der wohl kaum zum Ausdruck bringt, was die Abgänger vermutlich beabsichtigen.
Während Renner von dem immer stärker auf globale Stars setzenden Kurs seines Mutterkonzerns Universal Vivendi in die Flucht getrieben wurde, dürfte Stein über seine Komplizenschaft mit der Sendung "Deutschland sucht den Superstar" gestolpert sein, die das allenthalben geäußerte Bedürfnis nach echten, frischen Plattenkünstlern eher noch verstärkt hat. Der BMG-Mann ließ sich im Fernsehen "Onkel Stein" nennen, Renner soll Hausmitteilungen in vorgeblicher Selbstironie mit "Gott" unterzeichnet haben. Beides war falsche Familiarität, die nun enttarnt ist. Dahinter wird sichtbar, was die Konzerne nicht wahrhaben wollen: Kreativität, um die es allen angeblich geht, wird in einem allein auf Kostensenkungen bedachten Firmenkonglomerat, das zahllose Plattenlabels ganz unterschiedlichen Zuschnitts beherbergt, zu einer verschwindenden Größe. Die deutschen Talentscouts sind weg. Im Fußball würde man sagen: Jetzt hat die Mannschaft keine Entschuldigung mehr.