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Kommentar Lob der Torheit

03.07.2003 ·  Beide machen Fehler, der Weise wie der Dummkopf. Der Weise begeht den gleichen Fehler nur einmal, der Dummkopf immer wieder. Zum Leidwesen der Verteidiger der Demokratie sind die Weisen in der Minderzahl.

Von Dietmar Polaczek
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Beide machen Fehler, der Weise wie der Dummkopf. Der Weise begeht den gleichen Fehler nur einmal, der Dummkopf immer wieder. Zum Leidwesen der Verteidiger der Demokratie sind die Weisen in der Minderzahl. Wie Carlo M. Cipolla im ersten Grundgesetz der menschlichen Dummheit nachwies, gibt es immer mehr Dumme, als man glaubt. Der reichste Mann Italiens, der zum Schutz seines Reichtums Politiker wurde und sich selber die Gesetze macht, ist kein Dummkopf. Er ist lernfähig. Wenn irgendwo ein Fettnäpfchen steht, tritt er hinein und läßt keines aus. Er tritt kaum je zweimal in dasselbe.

Kaum hat er mit einer Äußerung zu Israel die arabische Welt vergrätzt, besucht er offiziell die römische Moschee und begeistert die arabischen Diplomaten mit seinem Charme: Das war ja nicht so ernst gemeint. Kaum hat er sich wieder als Kommunistenfresser profiliert, läßt er den früheren KGB-Chef wissen: Das war ja nicht so ernst und jedenfalls nicht persönlich gemeint. Kaum hat er eine obszöne beleidigende Geste hinter dem Rücken eines spanischen Politikers gemacht, erklärt er: Das war ja nicht so ernst gemeint, jedenfalls nicht beleidigend. Es ist alles nur ein Witz. Ist die ganze Person nur ein Witz? O nein.

In Straßburg - man muß wörtlich zitieren - sagte er zum Abgeordneten Schulz: "In Italien dreht gerade ein Produzent einen Film über Konzentrationslager. Ich werde Sie für die Rolle als KZ-Aufseher vorschlagen - Sie sind dafür perfekt." Er verweigerte eine Entschuldigung: "Ich hab's mit Ironie gesagt, Sie haben's mit Bösartigkeit gesagt!" Ironie ging schon voraus: "Ich lade Sie ein, die Sonne zu sehen, die Schönheit des Landes, die hunderttausend Kirchen, die dreitausendfünfhundert Museen, die zu zerstören uns in zwei Jahren Regierung nicht gelungen ist." Dies, nachdem gerade ein Dekret scheiterte, das es ermöglicht hätte, architektonisches Erbe in Staatsbesitz zu verscherbeln, nachdem Legambiente wieder einmal die illegale Zementflut an den Küsten beklagt, die weiter anschwillt, und die Giftmüllentsorgung weitgehend in die Hände der Mafia geraten ist. Es kann sich nur um Ironie handeln: Noch ein bißchen Zeit, und die Zerstörung der Umwelt, der Schönheiten des Belpaese, der Demokratie und vielleicht sogar des Sonnenscheins (durch Smog) könnte glücken.

Der intelligente Teil der Italiener findet das nicht komisch. Die Karikaturistin "Ellekappa" zeigt in "La Repubblica", daß Berlusconi die Regeln der freiheitlichen Demokratie sehr gut kennt: "Es gelingt ihm, sie alle auswendig zu verletzen." Wenn nicht alle: Er ist lernfähig. Er wird vielleicht sogar ein Philosoph. In der Antike gab es schon einmal eine Philosophenrepublik. Wie man hört, war die Idee, Philosophie und Macht zu verbinden, keine von den besten. Dem Mächtigen ist jede Philosophie recht, den Schein der Rechtfertigung herzustellen. Der reichste Mann Italiens zitierte zu seiner Rechtfertigung das "Lob der Torheit" des Erasmus von Rotterdam, über den er in jungen Jahren einen Text schrieb. Erasmus hat die Tollheit nur ironisch gelobt. Es war ein Witz. Wir beten, daß die Weltgeschichte nicht wieder solche Witze reißt wie die Schoa, den Weltkrieg oder die Atombombe. Wir begegneten israelischen Studenten in Libeskinds Jüdischem Museum in Berlin, die alles furchtbar lustig fanden. Ihnen könnte das Lachen ebenso vergehen wie dem italienischen Fernsehsenderbesitzer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2003, Nr. 152 / Seite 35
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