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Kommentar Lesertreue

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Natürlich liebt eine Zeitschrift auch solche Leser: Sie habe das Heft schnell "über Mittag" gelesen, schreibt Erika E. aus Zürich: "Da ich Zweitleser bin und der dritte schon ungeduldig darauf wartet, muß das Heft jeweils als Ganzes verschlungen werden, was unter Umständen Magenschmerzen bereitet." Ein so offen geäußertes gieriges Verlangen nach der Zeitschrift, die man in aller Sorgfalt redigiert hat, muß den Urhebern schmeicheln, gerade wenn es sich um ein Periodikum handelt, das sich nun eben nicht der Brandeiligkeit verschrieben hat. Dennoch wird man im Verlagshaus der Zeitschrift "Du" Leserinnen wie Frau E. mit Argwohn beobachten. Und ihr klammheimlich eine Arbeit mit kürzerer Mittagspause wünschen, damit sie die Lektüre nicht mehr bewältigt, auf den Abend ausweichen muß und das feingesponnene Arrangement mit Erst-, Zweit- und Drittleser (wieviel, mag man sich im Verlag fragen, kommen da noch nach?) in sich zusammenfällt. Dann wäre der Weg frei für eine ganze Reihe neuer Abonnements. Die würde man der 1941 gegründeten Schweizer Kulturzeitschrift nach diversen Verlagswechseln und einigem Verlust an Auflage von Herzen gönnen, den potentiellen Lesern übrigens auch, gerade nach den hinreißenden Ausgaben der letzten Monate, nach prachtvollen Themenheften zu Hieronymus Bosch, zum Blut oder zu den Vereinigten Staaten bis hin zur aktuellen Ausgabe mit "Geschichten für uns Kinder". Natürlich könnte man Frau E. auch statt der kürzeren Mittagspause eine Arbeit an den Hals wünschen, die ihr schwer zu reinigende Finger beschert, um jedem nachfolgenden Konsumenten die Freude an der gewöhnlich opulent bebilderten "Du"-Ausgabe zu vermiesen. Wie kurzsichtig das wäre, macht das Editorial der frisch erschienenen Nummer 752 deutlich: Aus Anlaß einer Ausstellung zu Henri Cartier-Bresson bittet die Redaktion ihre Leser vertrauensvoll um die Zusendung einer älteren, dem Fotografen gewidmeten Ausgabe. Es ist die Nummer 318 vom August 1967. Die Redaktion benötigt 25 Exemplare. Daß sie darauf setzt, daß ihre Zeitschrift generationenlang treu gesammelt wird, hätte sie nicht besser demonstrieren können.

spre.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.12.2004, Nr. 285 / Seite 33
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