Home
http://www.faz.net/-gqz-oh0g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Körperblabla

10.03.2004 ·  Drei lustig schreckliche Meldungen aus der lustigen, schrecklichen Welt des Theaters.

Artikel Lesermeinungen (0)

Aus der lustigen, schrecklichen Welt des Theaters erreichen uns drei lustig schreckliche Meldungen: Die Münchner Kammerspiele suchen dringend jede Menge echte Chinesen (Frauen und Kinder) für Jossi Wielers Inszenierung von Claudels "Mittagswende"; Johann Kresnik sucht für sein Tanztheaterstück "Hundert Jahre Einsamkeit" (nach García Márquez) am Theater in Bonn jede Menge Männer im Alter zwischen sechzig und siebzig, die unbedingt ein oder auch zwei echte Beine verloren und diese durch echte Prothesen ersetzt haben, was sie aber auf keinen Fall hindern darf, sich, so der Bonner Theaterpressesprecher, "agil und beweglich" an jedwede Kresniksche Wand knallen zu lassen; und drittens hat die Londoner Royal Opera die Sopranistin Deborah Voigt rausgeschmissen, weil sie für die Strauss-Rolle der Ariadne auf Naxos zu fett sei. Wobei Ariadne ja wenig mehr zu tun hat, als auf einem Felsen herumzulümmeln und schön singend dauerzujammern. Der Regisseur Christof Loy wollte sie aber offenbar in einem Cocktailkleid naxosknackig Treppen rauf- und runterjagen. Wozu die Pfunde der Sängerin ihm nicht tauglich schienen.

Diese drei Theatermeldungen zeigen das Verhältnis des Theaters zum Körper heute: Er dient der Bühnenkunst nicht mehr als Mittel zum Ausdruck, sondern als Material zum Eindruck. Wo das Theater der Illusion sonst längst abgeschworen hat, es könne und wolle die Wirklichkeit abbilden, rächt sich die gute, alte unvertreibbare Illusion sozusagen auf Körperebene: Dann müssen es, wenn Claudels Stück in China spielt, eben total echte Chinesen sein; und wenn's Kresnik um Versehrte geht, dann leistet jede Prothese ihren Innerlichkeitsobolus gnadenlos im harten Außendienst. Der Körper steht im Mittelpunkt und spricht sein großes Blabla, wenn alle Sprache versagt. Und sie versagt ja oft.

Laßt fette Weiber um mich sein!

Je nichtsmehrsagender das Theater, desto zentraler die Körper. Und jetzt soll auch noch Ariadne einer jener bleichen, dünnen Nacktschnecken gleichen, die sonst nur die "Vogue" oder entsprechende Schallplattencover zieren, auf denen dann ja auch Anne-Sophie Mutter gerne das Modellkleid zu Geige und Make-up trägt. Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang an Opernabende unserer Kindheit, wenn in den sechziger Jahren die Stuttgarter Konstanzen oder Leonoren oder Isolden auftraten, die allem Ideal von Schönheit oder Wohlgeformtheit oder gar Schlankheit selbstredend und stolz und souverän hohnsprachen und gar nicht erst die Illusion erweckten, sie seien die knusprigen, jungen, tollen tragischen Dinger, die jetzt "Martern aller Arten" oder "Sink hernieder, Nacht der Liebe" oder "Töte erst sein Weib" in 75-B-Körbchen oder Konfektionsgröße 36 unterzubringen gedächten.

Sie waren dick, fett und mächtig - gigantische Künstlerinnen. Sie verkörperten nicht Konstanze, Leonore, Isolde. Sie waren sie einfach. Durch ihre Kunst. Nicht durch ihr Aussehen. Ihr Körper war ihnen ein Mittel, kein Zweck. Das Ohr sah mit. Heute hat das Auge mitzuhören. Der Mezzosopran wird zum Mannequin-Sopran. Und, warte nur, balde wird die magersüchtige, käsebleiche, potthäßliche und bittertraurige Piepsmaus in Springerstiefelchen und wasserziehendem Unterrock, die zur Zeit das Mädchen-Ideal unserer Schauspielbühnen darstellt, auch die Oper erobern, wie ja das Musiktheater dem Schauspiel innovations- und regiemäßig immer ein wenig nachhinkt - wenn man sich an den schönen dünnen Laufsteg-Sopranen satt gesehen haben wird. Spätestens dann wird der eine oder andere Shakespearesche Cäsaren-Stoßseufzer aus dem Opernparkett aufsteigen: Laßt fette Weiber um mich sein!

Quelle: G.St., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2004, Nr. 60 / Seite 39
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr