11.03.2004 · Zurückhaltung ist nie die Sache des Architekten Peter Eisenman gewesen. Wie ein Faustkeil raste, die Grenze der zweigeteilten Stadt markierend, 1986 eine feuerrote Schräge durch Eisenmans neuen Berliner Wohnblock an der Ecke Koch- und Friedrichstraße.
Zurückhaltung ist nie die Sache des Architekten Peter Eisenman gewesen. Wie ein Faustkeil raste, die Grenze der zweigeteilten Stadt markierend, 1986 eine feuerrote Schräge durch Eisenmans neuen Berliner Wohnblock an der Ecke Koch- und Friedrichstraße. Wie ein Hammerschlag donnerte - exakt so geformt - 1992 sein (unrealisiertes) Reinhardt-Center auf die Abrißbrache des Berliner Großen Schauspielhauses nieder. Und wie ein in jeder Hinsicht unübersehbares Heer werden einst die Stelen des Berliner Mahnmals für die ermordeten Juden Europas an der Wilhelmstraße wogen. Und Diskretion ist nicht die Sache des Mannes Eisenman. Selbst nach flüchtiger Begegnung wissen Gesprächspartner schon von frappierenden Witzen zu erzählen, die Eisenman auch in sehr ernste Gespräche und Themen einflicht. Gröbste Kalauer und feinste Wortspiele, das, was man angelsächsisch grundierten amerikanischen Humor nennt, und das, was jüdischer Witz heißt, mal trocken, mal derb, mal dröhnend, alles durchmengt mit einer großen Portion das Ego nicht aussparendem Zynismus - so präsentierte sich Peter Eisenman immer und überall. Jetzt - warum jetzt? - hat man daran Anstoß genommen. Empört sind nicht nur diejenigen, denen seine Eigenart neu ist, sondern auch Kuratoriumsmitglieder, die seit Jahren mit ihm zu tun haben. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, welche internen Vorgänge zu dieser Entladung geführt haben mögen. Doch es muß gefragt werden, weshalb die Entgleisung eines Architekten auch sein Werk diskreditieren soll? Genau dies behauptet nämlich Albert Meyer, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, wenn er in seine Verurteilung des geschmacklosen Holocaust-Witzes von Eisenman das Urteil mengt, dessen Mahnmal sei ein "Horror". Hat nicht Giorgione die unflätigsten Flüche ausgestoßen und dabei doch die unschuldigsten Madonnen gemalt? Haben die primitiven Stammtischwitze, die Heinrich Heine über seinen homosexuellen Dichterkollegen August von Platen verbreitete, seinen eigenen Rang als Künstler und den seiner Werke gemindert? Hatte Francis Bacon sein Recht, sich Christ zu nennen und christlich zu malen, verwirkt, weil er in den Augen der Kirche in Todsünde lebte? Diskretion gebietet, nicht nachzuforschen, was Peter Eisenman, selbst Jude, dazu trieb, mit seinem amerikanischen Zahnarzt über Degussa und Zahngold zu witzeln und dies in einer Sitzung des Berliner Kuratoriums - mutwillig reagierend auf den gerade beigelegten Degussa-Streit - weiterzugeben. Eisenman verwechselte dabei nicht nur die private Atmosphäre einer Zahnarztpraxis mit der explosiven eines Mahnmal-Kuratoriums, sondern wohl auch die amerikanische und die traumatisierte hiesige Mentalität. Wie tief alle am Mahnmal Beteiligten in diese Traumata verstrickt sind, beweisen die Wellen, die der Vorfall inzwischen schlägt - Lea Rosh übt sich neuerlich als Moral-Sibylle, Bundestagspräsident Thierse tadelt seinerseits nun Albert Meyer und bittet Paul Spiegel, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, mäßigend auf ihn einzuwirken. Diese Kettenreaktion und nicht der instinktlose Witz Eisenmans könnten "die Glaubwürdigkeit des gesamten Denkmalprojekts untergraben" (Thierse). Der Architekt hat sich öffentlich entschuldigt, ist bereit, mit der Berliner Gemeinde zu reden. Was mehr könnte er tun und könnten wir wollen?
bat.