Am Geld soll es nicht scheitern - das ist ein Wort, das jedem Kommunalpolitiker süß in den Ohren klingt. Nun ist in Jena das Denkmalprojekt für die Verfolgten des SED-Regimes doch gescheitert - aber wirklich nicht am Geld. Daß etwas heute noch aus Gründen scheitern kann, die nichts mit Geld zu tun haben, ist, genau betrachtet, keine schlechte, sondern eine gute Nachricht. Vor rund einem Jahr nämlich deutete vieles darauf hin, daß das Geld und der großzügige Spender Karl Heinz Johannsmeier absolut herrschen würden. Jena sollte als erste deutsche Stadt ein solches Denkmal haben, mochten Historiker und Ästheten noch so schwerwiegende Einwände gegen den eigenwilligen, vom Spender höchstpersönlich erdachten Entwurf geltend machen (F.A.Z. vom 30. Mai 2003). Bürgermeister Schwindt, für Bau und Wirtschaft zuständig, ist ein zupackender Mann, der sich die Chance nicht entgehen lassen und bis zuletzt mit Schläue alle Bedenken überspringen oder unterlaufen wollte. So wurde ein Wettbewerb so versteckt wie nur möglich ausgeschrieben, einer Künstlerin auch der erste Preis zuerkannt - es half alles nichts, weil das Geld des edlen Stifters nur mit seinem durchsichtigen Denkmal aus Glas zu haben war. Das Glas sollte beides sichtbar machen - die alte heimische Glasindustrie und das Eingeschlossenen-Sein der Menschen in der DDR. Das war zuviel Ausdruckswille bei zu geringen Ausdrucksmöglichkeiten. Einwände aber sollten das Projekt nicht gefährden dürfen, das Geld war ja schließlich noch da. Nur den Beschluß mußte man endlich fassen. Also probierte man es: Die Stadtversammlung sei jetzt laut Satzung noch genau drei Minuten beschlußfähig, hieß es eines Abends, man möge doch bitte beschließen, daß das Denkmal gebaut werde. So schnell aber wollten die Jenenser nicht beschließen. Eine reguläre Abstimmung Ende April endete mit achtzehn zu achtzehn Stimmen - der Antrag war damit abgelehnt. In der Zwischenzeit hat sich der deutsch-amerikanische Stifter unter Protest mit seinem Geld zurückgezogen. Ein in der Stadt nicht unbekannter Professor hatte zuvor in einer Mail an den Stifter die Gegner noch als Lumpen bezeichnet. Der Wohltäter zog trotzdem von dannen, die vermeintliche Provinzialität Jenas verfluchend, und der Professor trat wegen des öffentlichen Unmuts über seine Äußerungen zurück. Jena hat nun einen bereits gelegten Grundstein, eine Menge offener Fragen und einigen Erkenntnisgewinn: So jedenfalls kann man den Tiger der Geschichte nicht reiten. Nicht trotz des Scheitern, sondern wegen dieses Scheiterns sollte Jena stolz sein, zur Häme besteht wahrlich kein Anlaß. Denn erstens hat die Stadt die Erfahrung für alle gewonnen, daß Entschiedenheit nicht reicht, um den Bürgern eine Erinnerung zu stiften. Und zweitens hat sie den Nachweis gebracht, daß man manchmal mit Geld leichter scheitert als ohne Geld. Wenn also der Grundstein dieser Wahrheit ein Denkmal setzte, bevor, wie zu hören ist, das Vorhaben im Herbst wiederaufgenommen wird?
jei