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Kommentar Intendanten fragen

11.09.2003 ·  Der „Guerilla-Kämpfer“ Peymann will bis 2007 auf seinem Posten ausharren, Matthias Hartmann wählt noch aus, ob er in Hamburg oder in Zürich scheitern möchte. Das neuere deutsche Intendantentheater ist eine Rutschbahn.

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Der 11. September wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein. Kommt nur darauf an, für wen. In Berlin, am Schiffbauerdamm, wird ein Brief ans Schwarze Brett geheftet worden sein, in dem der Intendant des Berliner Ensembles den "lieben Kolleginnen und Kollegen" mitgeteilt haben wird, daß er - "notfalls als Guerilla-Kämpfer" mit der Peymannknarre in der Hand - bis zum Jahr 2007 auf seinem Posten ausharren werde.

In Bochum dagegen wird der Intendant des Schauspielhauses vor sein Ensemble getreten sein und ihm angekündigt haben, daß er es im Jahr 2005 verlassen werde. Ist Claus Peymanns Drohung, auf jeden Fall bleiben zu wollen, fürs Berliner Ensemble ein Glück? Wo er im Sommer noch seinen Leuten Hoffnung machte, "den Laden hinzuschmeißen", falls er nicht mehr Geld für sein Haus kriege? Und jetzt keines bekommt? Dafür aber stolz darauf ist, mit einem Einspielergebnis von zweiundzwanzig Prozent des Gesamtetats "die Tariferhöhungen der letzten Jahre ohne Zusatzmittel vom Senat" selbst aufgefangen zu haben und in Zukunft von den Rücklagen leben zu wollen? Und ist es ein Unglück für Bochum, daß Matthias Hartmann schon wieder abhaut, der erst vor kurzem angefangen und in der letzten Spielzeit dreißigtausend Besucher mehr als in der vorletzten aufzuweisen und einen ähnlichen materiellen Erfolg wie Peymann, aber ein paar schöne, bunte Uraufführungen mehr im Magazin hat?

Wobei Hartmann offenbar fürs Hamburger Deutsche Schauspielhaus als Nachfolger von Tom Stromberg im marktfördernden Gespräch war, fürs Zürcher Schauspielhaus als Nachfolger von Christoph Marthaler aber in konkreten Abschlußverhandlungen sein soll? Wobei der ältere, ausgebranntere Peymann den Zürcher oder den Hamburger Job auch im hinterköpfigen Augenspiel gehabt haben könnte, als er im Sommer mit seinem Abgang drohte? Aber jetzt, wo hier wie dort der jüngere, noch nicht so ausgebrannte Hartmann stark sowohl im Neuposten-Gerede als auch im Neuposten-Geschäft ist, Peymann keine Chance mehr hätte und einfach in Berlin ausharren müßte?

Und was wäre das größere Glück für Peymann? Bleiben zu müssen oder gehen zu dürfen? Und für Hartmann? In Zürich oder in Hamburg scheitern zu dürfen? Und für Zürich? Ein unglückliches Glück? Oder ein glückliches Unglück? Und für Hamburg? Wo jetzt eventuell Schulz aus Hannover oder Schirmer aus Stuttgart im Gespräch sind? Oder gar die berühmte Frau Icks-Ypsilona aus Wien? Und was, wenn Herzog in Mannheim bleibt? Und Schweeger in Frankfurt? Und Marthaler lieber Hamburg übernähme? Oder eventuell Bochum? Hartmann aber nach zwei Jahren Zürich Lust auf Berlin hätte? Der Berliner Kultursenator aber "meine persönliche Arbeit als künstlerischer Leiter unter allen Umständen bis zum Ende meiner Vertragsverlängerung fortgesetzt wissen möchte" (Peymann)? Und Peymann dann in Zürich wieder Chancen hätte? Und der sanguinische Schulz dann Khuons blutbeutelschmeißendes Choleriker-Ensemble im Hamburger Thalia übernähme? Oder wie? Oder was? Oder wer? Aus all dem aber folgt? Nichts.

Außer: Das neuere deutsche Intendantentheater ist eine Rutschbahn. Mehr eine Sache glatter Hosenböden. Weniger der Kunst.

Quelle: G.St. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2003, Nr. 212 / Seite 33
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