21.04.2004 · Vorgestern hat Thor Kunkel auf Einladung einer "Studentischen Initiative Kulturzentrum" aus seinem Roman "Endstufe" gelesen. Die Lesung fand im IG-Farben-Haus der Frankfurter Uni statt - in einem Gebäude, das laut Ankündigung "für die Forschung im Dritten Reich eine wichtige Rolle spielte.
Vorgestern hat Thor Kunkel auf Einladung einer "Studentischen Initiative Kulturzentrum" aus seinem Roman "Endstufe" gelesen. Die Lesung fand im IG-Farben-Haus der Frankfurter Uni statt - in einem Gebäude, das laut Ankündigung "für die Forschung im Dritten Reich eine wichtige Rolle spielte. Wir finden, es ist prädestiniert für eine neuerliche Auseinandersetzung mit diesem Thema." Das gleiche könnte man freilich auch vom Termin sagen, dem 20. April, einem Datum, das für die Festkultur im Dritten Reich eine wichtige Rolle spielte (und für manche heute noch spielt): An Adolf Hitlers Geburtstag also las Kunkel aus seinem sechshundertseitigen Roman über den Nationalsozialismus, in dem die Judenvernichtung nicht vorkommt, weil diese, wie er später ausführte, heute eine "redundante Information" sei. Eichborn-Verleger Wolfgang Hörner sagte dieser Zeitung, daß man beim Terminvorschlag der Veranstalter zwar gestutzt habe, aber ihn nicht unnötig durch eine Absage habe aufwerten wollen. Dabei wäre die Lesung fast doch geplatzt. Aber nicht etwa, weil eine Antifa-Gruppe das Podium besetzt oder ein Feministentrupp sich durch das misogyne Zotengewitter des Autors herausgefordert gefühlt hätte - nein, Kunkel selbst drohte mit Schweigen, wenn das angereiste ZDF-Team filmen würde. Die empörten Fernsehleute mußten klein beigeben, und Kunkel betrat unter Beifall das Podium: Jetzt solle es endlich Literatur geben anstelle der "Gerüchte", die über sein Buch "in die Welt gesetzt" worden seien - als hätten jene Kritiker, die den Roman als wirre und geschmacklose Kolportage verrissen oder ihm die revisionistische Verharmlosung des Nationalsozialismus vorgeworfen haben (F.A.Z. vom 3. April), nach bloßem Hörensagen geurteilt. Mit Bedacht las er Passagen über eine Modenschau im Dritten Reich oder die Sex- und Drogenexzesse verkrachter Existenzen. So glaubte Kunkel das Publikum über die verkannten "Tiefendimensionen" seines Buchs und über Nazi-Deutschland überhaupt aufzuklären, das ja sein Roman "vollständig" zu erfassen beansprucht. Als der Moderator fragte, warum denn dann der Holocaust nicht vorkomme, schwafelte Kunkel etwas von dessen "negativer Präsenz", als ginge es hier um ein Celan-Gedicht und nicht etwa um ein Werk, in dem ein befreiter KZ-Häftling kalauert: "He, Freund, der Ofen ist aus." Beim Holocaust, so der Autor in gespielter Harmlosigkeit, verfüge ja jeder über ausreichendes, freilich "angelerntes" Wissen. Seine Romanstelle, in der der Mangel an wissenschaftlichen Versuchspersonen mit dem Hinweis auf Dachau entkräftet wird, finde er im übrigen viel eindringlicher als "alles, was in ,Schindlers Liste' zu sehen sei". So durfte er sich als Opfer desinformierender Journalisten inszenieren und die Kritik am Roman als political correctness geißeln. Er habe wohl lediglich die hierzulande geltende "Sprachregelung" verletzt, wonach Literatur "eine Kompensation für die Verbrechen der Vergangenheit" sein müsse. Das aber könne Literatur gar nicht leisten. Warum er dann aber den Schrecken des Bombenkriegs gegen deutsche Städte und die Massenvergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee in aller Ausführlichkeit schildern kann, ohne in diese Zwickmühle zu geraten, erklärte er nicht. Doch der Abend verging, fern von kritischer Nachfrage, in friedlicher Eintracht. Wenn selbst eine solche Provokation im Saal der Ahnungslosen verhallt, muß Kunkel wohl demnächst zu schärferen Mitteln greifen.
rik