22.01.2004 · Kultur wird als diplomatisches Scharnier genutzt. Im vergangenen Jahr, um den Deutschen die russische Kultur näher zu bringen, in diesem für die "Deutsch-amerikanische Freundschaft".
Im Prozeß der allgemeinen Beschleunigung folgen auch die staatlich geförderten "Kulturdialoge" immer rascher aufeinander. Soeben erst ging das Jahr der "Deutsch-russischen Kulturbegegnungen" zu Ende. Es war als "Festival der besonderen Art" von der Behörde der Bundeskulturministerin initiiert worden und ließ mit wohlwollender Unterstützung höchster politischer Amtsträger die gesamte Republik flächendeckend an russischer Kunst und Kultur teilhaben.
Kurz gesagt, bot sich in mehr als dreihundert Veranstaltungen jedermann die Chance, russische Orchester, Ballett- und Theaterensembles, literarische Kolloquien und anderes mehr zu erleben und seine Sicht auf die Kultur des den Deutschen so eigentümlich fremd gebliebenen Landes zu aktualisieren.
"Deutsch-amerikanischen Freundschaft"
Und doch stellt sich die Frage, ob der deutsch-russische "Kulturdialog", der in diesem Jahr in Rußland fortgesetzt wird, den beiderseitig so innig beschworenen Mentalitätswechsel und das von Präsident Putin erhoffte "gegenseitige Verständnis" befördert hat. Denn geht es um strittige Themen - etwa die Restitution deutscher Kulturgüter -, ist das Klima so frostig wie zuvor. Kultur, als diplomatisches Scharnier gedacht, muß mithin ihre Machtlosigkeit eingestehen, sobald die Realpolitik eingreift.
So gesehen, mutet das soeben in Berlin ausgerufene Jahr der "Deutsch-amerikanischen Freundschaft" erneut der Kultur eine schwierige Aufgabe zu. Für den ad hoc inszenierten "Kulturdialog" dürfte eine Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art hochwillkommener Anlaß gewesen sein. Demnächst wird es zweihundert Werke aus seinem Bestand für sieben Monate nach Berlin entsenden - gegen eine stattliche Leihgebühr.
Botschaft vor der Stadt verschlossen
Der ursprünglich unpolitische Akt des transitorischen Kunsttransfers mußte freilich in dem Augenblick zum Staatsakt werden, in dem sich der Bund verpflichtete, eine Bürgschaft für die Versicherungskosten des Transports zu übernehmen. Wie auch immer: Die mit großem Werbegetrommel angekündigte Ausstellung "Das MoMA in Berlin" ist in der Interessengemeinschaft mit der Bundesregierung zum Instrument politischer Hoffnungen auf einen Klimawechsel im deutsch-amerikanischen Verhältnis geworden. Eine Bürde, an der sich der Bund auch insofern beteiligt, als die von ihm getragenen "Berliner Festspiele" weisungsgemäß um die Ausstellung einen Kranz von Kulturveranstaltungen winden werden.
Daß nun auch die American Academy am Wannsee als beste und schönste Vertretung amerikanischer Kultur und Wissenschaft in den "Dialog" einzustimmen wünscht, vermag in der Tat zarte Hoffnungen auf eine Revitalisierung der "Deutsch-amerikanischen Freundschaft" zu wecken. Zu wünschen wäre, daß die Zuneigung zwischen Deutschen und Amerikanern - so sie denn während der "American Season" neu entflammt - auch den Sperrgürtel aufsprengt, mit dem sich die amerikanische Botschaft in Berlin so hermetisch vor der Stadt verschließt.