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Kommentar Gibsons Strategen

25.03.2004 ·  Die Aufregung um Mel Gibsons Passionsfilm schraubt sich zu immer neuen Höhen empor. Das ist schon etwas rätselhaft, denn die Kirchen aller Zeiten waren voll von schlechter Kunst, und niemanden hat das groß interessiert.

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Die Aufregung um Mel Gibsons Passionsfilm schraubt sich zu immer neuen Höhen empor. Das ist schon etwas rätselhaft, denn die Kirchen aller Zeiten waren voll von schlechter Kunst, und niemanden hat das groß interessiert. Auf jedes Meisterwerk in diesem Feld dürfte eine Übermacht von schätzungsweise 98 Prozent mittelmäßiger bis grauenerregender Gebrauchsware kommen. Das ist nicht weiter schlimm, weil die Frömmigkeit der Gläubigen nicht unbedingt darauf angewiesen ist, daß das Bild selbst einen ästhetisch stimmigen Zugang zur spirituellen Welt zustande bringt; die Kunst zum Zwecke der Frömmigkeit ist eben nicht autonom, sondern eingebettet in eine kirchliche Praxis der Unterweisung, des Gebets und der Gemeinschaft, die ihre eigenen Gesetze hat. Das Bild bietet da nur einen zusätzlichen Schlüsselreiz, der die sich aus anderen Quellen speisende Andacht ergänzt. So kann offenbar auch Gibsons Film funktionieren, obwohl er doch keinerlei Zugang zur religiösen Ebene des Geschehens hat, der über süßliche Musik, Zeitlupen, ein irisierendes Glitzern im Auge des Helden und das sporadische Auftreten einer androgynen Teufelsgestalt hinausginge. Er zeigt, für sich genommen, nichts anderes als die Technik des Folterns, und den Rest muß sich der Zuschauer eben dazudenken (weshalb es bei einem global, also milieuübergreifend, verbreiteten Produkt wie diesem auch kein Wunder ist, daß, wo die einen nichts als Liebe sehen, die stärker ist als der Tod, andere wie jetzt Daniel Goldhagen vor allem Haß auf Römer und Juden wahrnehmen, eine "Fetischisierung von Grauen und Tod"). Insofern unterscheidet sich Gibsons Passion von anderen Passionsspielen kaum. Was bei schlechter Kunst sonst jedoch nicht so ohne weiteres vorkommt, ist, daß ein solches Werk von nicht ganz sicherer Menschenhand zum Inbegriff des Glaubens selbst erklärt wird und alle, die es nicht so gut finden, als Verwässerer eben dieses Glaubens dastehen. Gibson erscheint in den Einlassungen diverser Kirchenleute und engagierter Laien wie Peter Hahne mit einemmal als Nagelprobe des wahren Glaubensernstes. Wie ist das zu erklären? Zwei Motive gehen wohl ineinander über. Zum einen ist "Die Passion Christi" der erste Fall seit langem, daß das Christentum eine Rolle in der populären Massenkultur spielt, und da erscheint es als Gebot der corporate identity, Flagge zu zeigen. Zum anderen erlebt das Zeichen des Kreuzes da eine Rückübertragung vom Mode-Accessoire oder harmlosen Gruppenzugehörigkeitssymbol zum grauenvollen Tötungsinstrument, das es ursprünglich war. Manche Kreise erhoffen sich von dieser Bedeutungsverschiebung im kulturellen System offenbar einen Verbindlichkeitszugewinn der Botschaft, abgeleitet aus der Suggestion von Unmittelbarkeit und Authentizität, mit der der Film arbeitet. Doch diese Hoffnung auf geistespolitische Landgewinne könnte sich als perfide Versuchung erweisen. Zweitausend Jahre christliche Selbstreflexion haben die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes, als "Geheimnis" beschrieben, und in der mehr tastenden als behauptenden Liturgie der Kirche hat das seinen Ausdruck gefunden. Wer mit Gibsons krudem Naturalismus Politik machen will, unterläuft diese Zurückhaltung, macht aus dem Geheimnis wieder eine abstrakte Strategie, mag auch noch soviel blutiges Fleisch gezeigt werden. Eine Macht, der es um Wahrheit geht, kann auf menschliche Werke dieser Art nicht ohne Schaden setzen.

Si.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.03.2004, Nr. 73 / Seite 37
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