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Kommentar Edle Mumie

07.01.2005 ·  Wann begann eigentlich die Zeit, als man sich den typischen Leser des "Kursbuchs" nicht mehr recht vorstellen konnte, sondern nur mehr den einen oder anderen Autor der Zeitschrift kannte? Jedenfalls datiert diese Lage nicht erst ...

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Wann begann eigentlich die Zeit, als man sich den typischen Leser des "Kursbuchs" nicht mehr recht vorstellen konnte, sondern nur mehr den einen oder anderen Autor der Zeitschrift kannte? Jedenfalls datiert diese Lage nicht erst von gestern, und der Anspruch, den die Zeitschrift im Namen trug, autoritativ und präzise anzugeben, was sich wann von wo nach wo bewegt, mutete schon seit geraumer Zeit veraltet an. Vor vierzig Jahren war der Leser des "Kursbuchs" kein unbekanntes Wesen. Er gab noch einmal die klassische Intellektuellenrolle, zu der nun einmal die Klassenkämpfe gehören. Im "Kursbuch" wurde damals das ganze Spektrum der Kulturrevolution ausgefaltet. Das galt beileibe nicht nur für den Dritte-Welt-Sozialismus oder die strukturalistischen Offenbarungen aus Frankreich. Hier las man, um nur einen der Glanzpunkte zu nennen, einen der bedeutendsten Essays der sechziger Jahre, Christian Enzensbergers "Größerer Versuch über den Schmutz". Nun soll das "Kursbuch" ab Mitte des Jahres unter dem Dach der "Zeit" erscheinen, wie Michael Naumann erklärte. Herausgegeben werde es als unabhängige Zeitschrift von ihm selbst und von Tilman Spengler; Ina Hartwig, die bisher mit Spengler die Zeitschrift leitete, scheint nicht mehr dabeizusein. Ein neuer Kreis jüngerer Autoren, so Naumann, solle dazugewonnen werden, nicht nur aus dem Kreis der "Zeit". Aber das heißt nun nichts anderes, als daß einer edlen Mumie ein neuer, vielleicht besser ausgeleuchteter Platz gegeben wird. Wer will heute ernsthaft ein Sammelsurium von Beiträgen zu einem jeweiligen Themenschwerpunkt lesen? Deutschland hat zwei und nur zwei in sich notwendige Kulturzeitschriften: für die Atlantiker und für die begriffsscharfen Intellektuellen gibt es den sozusagen kantianischen "Merkur". Für die Mitteleuropäer und jene, die von der Dichtung und vom Wort her denken, gibt es "Sinn und Form", die Zeitschrift, die sich auf Hamann und Herder als ihre Paten berufen könnte. "Tertium non datur", wie Hans Magnus Enzensberger früher zu sagen pflegte, oder liberaler formuliert: Ein Drittes leuchtet uns nicht so recht ein.

L.J.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2005, Nr. 6 / Seite 33
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