25.08.2004 · Der Leiter der Dudenredaktion erklärt, die Rechtschreibung dürfe nicht nach Art der Echternacher Springprozession behandelt werden. Ein versteckter Seitenhieb gegen Rechtschreib-Kommission und Kultusministerkonferenz?
Dudenstadt Mannheim, Dudenstraße 6, Dudenverlagshaus, Untergeschoß: Der neue Duden wird vorgestellt. Die 23. Auflage, die am kommenden Samstag erscheint, bietet 125 000 Stichwörter auf 1152 Seiten. Soviel Duden war nie, seitdem Konrad Duden vor 125 Jahren sein erstes Nachschlagewerk zur Klärung orthographischer Zweifelsfälle herausgebracht hat. Damals hatte der Duden 29 000 Stichwörter. Seitdem hat die Sprache sich unablässig gewandelt, und die Zweifelsfälle haben in einer Weise zugenommen, die noch das fleißigste Karnickel in den Schatten stellt. Daran hat die Rechtschreibreform keinen geringen Anteil, denn wie schon in der letzten Auflage, die im Jahr 2000 erschien, enthält auch die überarbeitete und um 5000 neue Stichwörter erweiterte Neufassung zahlreiche Wiederaufnahmen zuvor verpönter Schreibweisen. Mit anderen Worten: Zahlreiche Schreibweisen, die vor 1996 gebräuchlich waren und von 1996 bis 2004 als falsch galten, aber wegen der Übergangsfrist in den Schulen noch nicht als Fehler geahndet wurden, sind jetzt wieder erlaubt. Der Leiter der Dudenredaktion erklärt gleichwohl im selben Atemzug, die Rechtschreibung dürfe nicht nach Art der Echternacher Springprozession behandelt werden. Wie ist denn das nun zu verstehen? Verbirgt sich hinter der Bemerkung womöglich ein versteckter Seitenhieb gegen die Rechtschreibkommission und die Kultusministerkonferenz, die das Kuddelmuddel zu verantworten haben? Denn die Redaktion des Duden stellt die Regeln ja nicht auf, ist aber gezwungen, ihnen zu folgen, egal, wohin die unheimliche Reise geht. Man kann die Dudenredakteure wahrlich nicht beneiden: Sie müssen die Reform nicht nur exekutieren, sondern auch noch ein Unternehmen verteidigen, das nicht zuletzt gegen sie selbst gerichtet war. Schließlich gehörte es ja zu den erklärten ursprünglichen Zielen der Reformer, das sogenannte "Duden-Monopol" zu brechen. Die Attacke galt einem historisch gewachsenen Verfahren: Die Duden-Redaktion verfolgte den Sprachgebrauch und kodifizierte ihn. Damit hatte das Nachschlagewerk eines privaten Verlages halbamtlichen Charakter. Da die Reformer dies seltsamerweise als undemokratisch ansahen, verfielen sie auf die Idee, einen obrigkeitsstaatlichen Akt zu initiieren. An die Stelle der nachvollziehenden Beobachtung einer freien, von zahllosen Faktoren beeinflußten Entwicklung trat der auf einer äußerst umstrittenen Expertenmeinung beruhende Oktroi einer Konferenz von Landesministern. Soviel zum Demokratieverständnis der Reformer. Der Dudenverlag muß den amtlichen Anweisungen aber nicht nur folgen, sondern damit auch noch Geld verdienen. Das wird zunehmend schwierig, denn nicht jeder möchte alle vier Jahre sein Wörterbuch zum Altpapier geben und ein neues kaufen. Im Untergeschoß des Verlagshauses in der Dudenstraße geht es deshalb zu wie in den meisten Kellern: Es wird lautstark gepfiffen. Auf knallroter Banderole verkündet der neue Duden: "Die neue Rechtschreibung endlich amtlich!" Verbindlich werden die zur Zeit neuesten Regeln aber, wenn überhaupt, frühestens zum 1. August 2005. Und was spricht eigentlich dafür, daß die Regeln von heute dann noch unverändert gelten werden? Im Lichte der Erfahrung kann es nur eine Antwort geben: fast nichts. Die Arbeit an der 24. Auflage des Duden wird rasch beginnen müssen. Im Jahr 2012 ist die Dudenüberarbeitung vielleicht schon olympische Disziplin. Die Goldmedaille wäre Deutschland sicher.
igl