Arbeitsrechtlich einwandfrei ist der italienische Kulturattaché in Berlin, Ugo Perone, jetzt von seiner Regierung abberufen worden. Der Vertrag für den Leiter des Italienischen Kulturinstituts war 2001 nur für zwei Jahre geschlossen worden, und Rom ist nicht verpflichtet, einen Grund anzugeben, wenn es diesen Vertrag, wie es sonst üblich ist, nicht noch einmal um zwei Jahre verlängert. Doch schon seit Wochen hatten sich die Anzeichen für eine Entlassung des Religionsphilosophen gemehrt und dafür, daß diese Entlassung politische Motive haben könnte. Leiter mehrerer literarischer Institutionen und prominente Unterzeichner wie Günter Grass, Rebecca Horn, Hans Magnus Enzensberger, Klaus Wagenbach und Wim Wenders hatten sich in einem Brief für Perone ausgesprochen, der sich in seiner kurzen Amtszeit viel Ansehen und Beliebtheit erworben hat. Bereits im vergangenen Jahr hatte der zuständige Staatssekretär im Außenministerium, Mario Baccini, in einem Zeitungsinterview gesagt, daß Institutsdirektoren, die "zu Angriffen auf unsere Regierung einladen, statt für das Schöne an Italien zu werben", nicht mit einer Vertragsverlängerung rechnen könnten. Ausdrücklich kritisierte er die Häuser in Brüssel, Paris und Berlin. Der Amtsinhaberin in Brüssel wurde gekündigt, der Leiter in Paris kündigte selber, und nun also hat es Berlin getroffen. Perone hat aus seiner Distanz zu Berlusconi nie einen Hehl gemacht. In den neunziger Jahren war er als Kulturdezernent Mitglied der Mitte-links-Regierung in Turin. Doch zugleich hat der Professor sein Amt nie als Gelegenheit zur politischen Agitation gesehen, sondern immer darauf bestanden, das ganze Land und nicht eine bestimmte Politik vertreten zu wollen. Dazu gehörte, daß er den deutsch-italienischen Mythen und Klischees etwas durchaus Positives abgewann, als Anknüpfungspunkte, um einander besser kennenzulernen. So waren die auffallendsten Veranstaltungen, die er in Berlin organisierte, die großen Festivals "La Piazza" und "La dolce vita", die von den deutschen Italiensehnsüchten ausgingen, um sie dann durch Dissonanzen aktueller Kunstproduktionen zu übersteigen. Die Kultur versteht er nicht als unmittelbaren Ausdruck einer bestimmten Identität, des Lebens oder der Politik, sondern als etwas schräg Danebenliegendes: Ihr Beitrag bestehe gerade in dieser "Ungleichzeitigkeit", sagte er im Dezember 2001 in einem Interview. Diese Auffassung, von der man meinen könnte, sie eigne sich nicht gerade zu einem ernsthaften Dissens, scheint ihn nun gestürzt zu haben. "Die Einwirkung einer Regierung auf die Kultur ist relativ beschränkt beziehungsweise geht nur sehr langsam vonstatten", sagte er damals. Offenbar ist sie doch schneller und direkter als damals gedacht. Daß die Künste eine Eigengesetzlichkeit haben, die vor parteipolitischer Indienstnahme zu schützen ist: diese nicht bloß europäische Selbstverständlichkeit scheint die Regierung Berlusconi auf gerade noch unvorstellbar brüske Weise aufkündigen zu wollen.
Si.