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Kommentar Döner im Quartett

18.06.2004 ·  Die Berliner Dönerbuden gibt es jetzt als Quartettspiel, das die globalen Erfolgskriterien auf den Kopf stellt. Es gewinnen die ältesten, billigsten, erreichbarsten, heimatverbundensten und familiärsten Anbieter.

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Die Nachricht, daß eine Designfirma aus Hannover die Berliner Dönerbuden zu einem Quartettspiel verwurstet, kann zunächst einmal nur mißtrauisch machen, erst recht in Anbetracht der völlig enthemmten Selbstreferentialität, die die Autoren auf ihrer Website Döner Berlin betreiben: "Extra scharf ist der PR-Rummel, den die Medien um das Projekt veranstalten."

Schlägt die Kulturindustrie nun also auch die Lebenswelt der "Ankara Grills" und "Ali Baba Hähnchen" mit ihrer hochmütig ästhetisierenden Ähnlichkeit (wie herrlich, diese "Trash-Optik")? Doch sobald man das Produkt in den Zusammenhang der Quartett-Geschichte einordnet, erweist es sich als Dokument noch einer anderen Art Ökonomie, der Berliner nämlich.

Bessere Karten

Quartette zeichnen sich ja dadurch aus, daß sie eindeutig quantifizierbare Werthierarchien spiegeln: Es gewinnt jene Karte, deren Daten besser sind als die des Gegners. Im Falle der Autoquartette von früher waren das durchweg die höheren Zahlen - mehr PS, mehr Stundenkilometer, größerer Hubraum. Die Spieler identifizierten sich vorbehaltlos mit den in immer schwindelerregendere Größen ausgreifenden, nur noch in irgendwelchen amerikanischen Test-Eiswüsten benutzbaren Turbo-Modellen. Mit einem Wort: Die Quartettspiele waren ein ungebrochener Ausdruck dessen, was man heute distanzierend "Wachstumslogik" nennt.

Und wie verhält es sich beim Döner-Quartett? Die Karte von "Rahmi's Imbiss" am Ostbahnhof weist eine Entfernung bis Istanbul-Zentrum von 2194,17 Kilometern, einen Dönerpreis von zwei Euro und eine "Anzahl der Brüder" von elf aus (der Kommentar vermerkt: "Hat auch noch zehn Schwestern!"). Offenkundig ist hier erst einmal, daß die Gewinnkriterien der Übereinkunft der Mitspielenden bedürfen: Die höhere Zahl ist nicht immer die bessere. Allein dies bändigt das pure Fortschrittsschema durch Konvention.

Berliner Marktlage

Naheliegend freilich ist, dem billigsten Döner, dem frühesten Gründungsjahr, den längsten Öffnungszeiten, der kürzesten Entfernung bis Istanbul und den meisten Brüdern den Vorzug zu geben. Kurz: Es gewinnen die ältesten, billigsten, erreichbarsten, heimatverbundensten und familiärsten Anbieter. Dies stellt die Erfolgskriterien, wie sie unter Global Playern sonst üblich sind, auf den Kopf, entspricht aber ziemlich genau der realen Berliner Marktlage.

Viele klassische Dönerkonsumenten in der Hauptstadt kommen aus ihrem Kiez selten heraus, verfügen über geringe Einkommen, aber hohe Sozialkompetenz, schätzen gewachsene Strukturen und wollen auch schon mal um zwei Uhr nachts in eine türkische Pizza beißen. Es ist verblüffend, wie viele Anbieter tatsächlich rund um die Uhr geöffnet haben. Und man ahnt, welchen Anteil die Döner-Imbisse seit 1971, als das Kreuzberger "Hasir" aufmachte, am Berliner Urbanisierungsprozeß haben.

Quelle: Si. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.06.2004, Nr. 140 / Seite 33
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