Mit der Zuverlässigkeit des Hauspersonals ist es heutzutage nicht mehr weit her. Bislang hatten wir den Verfall der Dienstleistungskultur allerdings eher dem Siegeszug der Demokratie angelastet. Klar: Wer in den Genuß des Wahlrechts gelangt, am Ende gar noch des passiven, der ist nur noch dann ruhig zu halten, wenn wenigstens die Formel "One man, one vote" nicht zur Anwendung kommt. Bismarck ("Vox populi, vox Rindvieh!") wußte das und beschränkte deshalb das einheitliche Wahlrecht auf die Reichstagswahlen, während er als Ministerpräsident in seinem geliebten Preußen drei verschiedene Wählerklassen beibehielt. Einige Herren in leitenden staatsmännischen Positionen wissen noch immer um die Vorteile solcher Praktiken, sind bei der Durchsetzung ihrer Ziele jedoch ungleich weniger rücksichtsvoll als weiland der Eiserne Kanzler. Was für ein Drama aber, daß selbst in ausgesprochenen Musterdiktaturen die Dienerschaft ihren Herren mittlerweile auf der Nase herumtanzt. Stellen Sie sich doch nur einmal vor, Sie gewährten als Alleinherrscher Ihrem Leibkoch einen kurzen Heimaturlaub - und der undankbare Knilch verlängerte ihn eigenmächtig auf zwei Jahre. Und kaum hätten Sie ihn unter mehr oder minder moderaten Drohungen von der Notwendigkeit seiner Rückkehr überzeugt und ihn als Zeichen Ihres neuen Vertrauens auf Einkaufsfahrt geschickt - da setzte der Lump sich prompt ins Ausland ab. Genau so ist es dem bedauernswerten Kim Jong-il ergangen. Der nordkoreanische Staatschef hatte sich bereits Anfang der achtziger Jahre der Dienste eines japanischen Kochs versichert, den er 1988 zum "Exklusiven Sushi-Chefkoch des Geliebten Führers" beförderte - ein Rang, der in der nordkoreanischen Hierarchie gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, denn Kim Jong-il ist ein Feinschmecker, und Sushi gehören zu den Leibspeisen des Diktators im Hungerland. Trotzdem versuchte sich der Küchenmeister 1996 bei einem Urlaub in Japan abzusetzen, und erst Morddrohungen gegen seine Familie bewegten ihn zwei Jahre später zur Rückkehr nach Pjöngjang. Dort hatte man seine berühmte Haifischflossensuppe, die Kim Jong-il drei- bis viermal pro Woche zu essen pflegte, bereits schmerzlich vermißt, denn der Diktator ist bei der Nahrungsaufnahme eher heikel. Ganz besonderes Gefallen finden bei ihm übrigens Seeigel, und natürlich ist diese dekadente Nascherei in befriedigender Qualität nur auf kapitalistischen Marktplätzen erhältlich. Also entsandte der "Geliebte Führer" den geliebten Koch 2001 nach Tokio, um dort seine Lieblingsleckerei zu erwerben. Doch dieser tauchte abermals unter, diesmal mitsamt seiner Familie. Seine Memoiren "Kim Jong-ils Chefkoch" sind nun unter dem Pseudonym Kenji Fujimoto erschienen, und etliche Passagen sorgen in Japan und vor allem Südkorea derzeit für Aufsehen. Doch niemand denkt an den armen Gewaltherrscher, der mangels treuen Fachpersonals darben muß - wie all die Untertanen, die ihn so sehr lieben wie er das Fressen.