05.02.2004 · Auftritt des "Mohammed" nach Regieanweisung: Die kleine Tür in der Mitte geht auf, und ein kleiner Neger in Gelb, behängt mit silbernen Schellen, ein Präsentierbrett mit der Schokolade tragend, trippelt über die Schwelle. Stumm und ...
Auftritt des "Mohammed" nach Regieanweisung: Die kleine Tür in der Mitte geht auf, und ein kleiner Neger in Gelb, behängt mit silbernen Schellen, ein Präsentierbrett mit der Schokolade tragend, trippelt über die Schwelle. Stumm und dienstfertig - "Das da trag'" -, bewegt er sich durch das Haus und macht am Ende, nachdem er noch ein Taschentücherl aufgehoben hat, das Licht aus. Ein stummer, sich ständig verneigender und dabei klingelnder, als Neger bezeichneter Afrikaner, der Schokolade bringt, den Herrschaften ihre Saffianfutterale, Schleppen und Tüchlein hinterherträgt, ihnen die Türen aufhält und "Mohammed" gerufen wird - heute wäre das ein Fall für den Lektor. Das müssen Sie ändern, Herr von Hofmannsthal, das kann so auf keinen Fall bleiben! Als der "Rosenkavalier" 1911 in Dresden uraufgeführt wurde, sprach man noch von Kolonialwaren, wenn es um Importe aus den Peripherien ging. Der Schokoladenkonsum der Deutschen lag bei etwa fünfzigtausend Tonnen im Jahr, ungefähr so viel wie der englische und französische Verbrauch zusammen. Damals gab es den Sarotti-Mohren noch nicht. Den erfand Professor Julius Gipkens erst 1922, nachdem die Firma Sarotti 1918 schon einmal "drei Mohren mit Tablett" als Markenzeichen hatte eintragen lassen. Jetzt erbleicht der Mohr. Die Kölner Firma Stollwerck, Teil eines Schweizer Schokoladenkonzerns, bei dem die in Berlin 1881 etablierte Marke Sarotti nach Umwegen gelandet ist, kündigt an, ihr Markenzeichen zu ändern. Statt der blau-roten Fahne, die er seit jeher vor sich hertrug, soll der Mohr mit fünf goldenen Sternen jonglieren, in einem goldenen Halbmond stehen und - hellhäutig sein. Das Nichtnegerlein, der Entmohrte, kurz: die Figur, läßt uns Richard Crux, Chef von Stollwerck, wissen, wirke dadurch "magischer und - wir ergänzen: zugleich - moderner". Modern ist, das hat Homi Bhabha, in Chicago Professor für Kulturstudien, ja schon lange gesagt, wenn sich alles mischt, ohne sich zu vermischen, wenn es einen also - wie den Sarotti-Mohren - aus den Peripherien ins Zentrum verschlägt, wo er sich aber auch nicht echt zu Hause fühlt, sondern irgendwie voll dazwischen und auf jeden Fall - anders als der Sarotti-Mohr - Widerstand gegen die Einschreibung falscher Identitäten in seinen Körper leistet. Das Hybride, das transmigrativ Metalokale, der Emigrant als Mischstück, die Crossoveridentität, das ist gewissermaßen ultramodern. So ein bißchen Mohr und magisch schon, aber irgendwie ohne schwarze Magie, mehr so caffelattefarbig, ins Latinotürkasiatische, so wie wir im Herzen ja alle sind, Fremdlinge im eigenen Kakao und in einer Haut, aus der wir nicht fahren können, aber sie bräunen oder hellschminken. Schwarz ist er ausgezogen, cremefarben zieht er wieder ein - der Fremde, "der heute kommt und morgen bleibt - sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat". So 1908 in seinem "Exkurs über den Fremden", also über uns alle, Georg Simmel, der Sohn von Ewald Simmel, dem Gründer der Schokoladenfirma "Felix und Sarotti". Bleibt jetzt nur noch der Hinweis, daß die von Stollwerck ebenfalls vertriebene "Schwarze Herren Schokolade" keine Schokolade für schwarze Herren ist, weil es, postkolonial betrachtet, nämlich weder Schwarze noch Herren gibt, weshalb man sie zur Vermeidung von Mißverständnissen doch schleunigst in "Fremde Bürgerinnen Schokolade" umbenennen sollte.
kau