Künstlerische Freiheit ist ein verbrieftes Recht. Mag die Autonomie der Kunst auch im Abhängigkeitsverhältnis des subventionierten Kunstbetriebs dehnbarer geworden sein, tritt ihr inhärentes Konfliktpotential immer dann zutage, wenn der freie künstlerische Wille mit den Persönlichkeitsrechten von Zeitgenossen kollidiert.
So war es, als die Berliner "Kunst-Werke" im vergangenen Jahr eine Ausstellung über die "Rote-Armee-Fraktion" (RAF) ankündigten und den Verdacht erweckten, die Terroristen postum zu Kultfiguren der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte heroisieren zu wollen. Mag sein, daß sich bei genauerer Überprüfung des Ausstellungskonzepts der Verdacht als gegenstandslos erwiesen hätte. Der Protest der Angehörigen der RAF-Opfer bewies jedoch, daß die Zeit weder die psychischen Wunden heilen konnte noch objektivierende Distanz zu den Ereignissen geschaffen hat.
Nötigung zur Beratung und „Modifizierung“
Der Ausstellungsmacher Klaus Biesenbach, der schon mit der Wehrmachtsausstellung die Unschärfe des Kunstbegriffs hin zur Dokumentation verschob, sah sich unter politischem Druck genötigt, das Konzept zu "modifizieren" und sich der wissenschaftlichen Beratung durch die Bundeszentrale für politische Bildung und das Hamburger Institut für Sozialforschung zu versichern. So jedenfalls lautete die Bedingung, die Kulturstaatsministerin Christina Weiss mit der Vergabe von Fördermitteln aus dem Hauptstadtkulturfonds verknüpfte.
Es konnte nicht ausbleiben, daß von "Zensur" und Einflußnahme durch den Kanzler selbst und insbesondere seinen Innenminister Schily die Rede war. Zumal die öffentliche Meinung zugunsten des Kurators umschlug, ja ihn gleichsam in die Opferrolle erhob, als der Bundesrechnungshof ihn dieser Tage zur Rückzahlung der Fördersumme von hunderttausend Euro verpflichtete.
Ohne äußeren Druck - die RAF im Widerschein der Medien
Gestern nun, als die Jury des Hauptstadtkulturfonds über die "Förderwürdigkeit" des überarbeiteten Konzepts entscheiden wollte, zog Klaus Biesenbach seinen Antrag auf Fördermittel zurück. Ohne Bundesgelder will er die Schau, wie geplant, im Winter 2004/2005 zeigen - ein Rückzug aus der politischen Umklammerung, den er einen "Befreiungsschlag" nennt.
Ohne äußeren Druck will er mit Partnern, die ungenannt bleiben wollen, in den "Kunst-Werken" eine riesige Zeitschiene installieren, auf der die Ereignisse von 1970 bis 1977 im Widerschein der Medien dokumentiert werden sollen. Die eigentliche Brisanz dieser Ausstellung über die RAF verschiebt sich mithin auf die Entlarvung der "Differenz" in der Berichterstattung. Ein Zerrspiegel womöglich, der zur gewissenhaften Analyse der Zusammenhänge zwingt.