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Kommentar Am Rande

20.09.2004 ·  Welten liegen in der Erscheinungsweise von Politik, wenn man die PDS-Politikerin Katja Kipping mit dem NPD-Mann Holger Apfel vergleicht. Die Ränder sind, anders als Angela Merkel meint, nicht symmetrisch.

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Wollen wir das Wahlereignis, das hitzig umdeutete, doch mal ein wenig naturalisiert betrachten. Da muß man dann als erstes feststellen: Schon rein phänotypisch geht Frau Merkels Urthese von der Symmetrie der Ränder - dem rechten und dem linken - nicht auf.

Was, bitte, könnte es auf diesem Planeten Unsymmetrischeres geben als den Phänotyp des NPD-Manns Holger Apfel (33) und jenen der PDS-Frau Katja Kipping (26)? Am Wahlabend sah man, wenn man herumzappte, beide Protagonisten ihrer Parteien hart gegeneinandergeschnitten. Man kann in hoher Pixelauflösung nur sagen: Welten liegen in der Erscheinungsweise von Politik!

Jede Menge Äpfel

Nach allen Gesetzen der Assoziationspsychologie, von denen ja auch Landtagswahlen nicht unabhängig sind, haben sich mit Apfel und Kipping zwei Datenbündel in der Seele aggregiert, die unmöglich in eine symmetrische Ordnung zu bringen sind. Prima facie gilt vielmehr der Befund: Singulär der verknurpselte Apfel, singulär die aparte Kipping. Wobei wirklich singulär nur die Kipping ist, denn vom Apfel gibt es - traut man den Fernsehbildern - jede Menge Kopien.

Wo man ihn auftraten sah, war er von einem Trupp ebenfalls in braunes Tuch gehüllter, ebenfalls fett glänzender, ebenfalls feist grinsender junger Herren umgeben. Apfel muß im Parteivorstand irgendwann einmal laut und deutlich gesagt haben: Laßt dicke Männer um mich sein, und dann nahm die phänotypische Sause ihren Lauf.

Unbestechliche Natur

Doch unbestechlich ist alle Natur! Denn die geistreich-schlanke Präsenz einer Einzelnen vermag immer noch weit mehr Wähler zu mobilisieren als eine bellend-geballte Ladung Dicker. Das zeigen die Wahlergebnisse mit knapp dreißig (PDS) gegen knapp zehn Prozent (NPD) in sensualistischer Eindringlichkeit - wenn nicht im aristotelischen Sinne des propter hoc, so doch im Hume'schen Sinne des post hoc. Der Begriff der Ursache ist schließlich ein weites Feld, wie der Wahlforscher Jürgen Falter (der von immer!) am Wahlabend noch einmal betonte.

So oder so spricht die physikalisch geschulte Frau Merkel ein Wort wider die Natur der Demokratie, wenn sie eine Dreißig-Prozent-Partei weiterhin als undemokratisch bezeichnen möchte. Welch naturwidrige Auffassung von Kausalität hatten auch jene Fernsehmoderatoren, die Herrn Apfel schon in dem Augenblick beflissen das Wort abschnitten, als der sich - wie es nach den ersten Hochrechnungen alle Politiker tun - bei seinen Wählern bloß für das Wahlergebnis bedankte.

Verfassungsfeindlichen Parolen den Saft abzudrehen, ist die eine - gebotene - Sache. Jemanden durch demonstrative Unhöflichkeit bei Denkzettel-Wählern erst hoffähig zu machen, ist die andere - törichte - Sache. Herr Apfel und Frau Kippling führen uns auf denkbar unsymmetrische Weise an den Rand eines demokratischen Überraschungs-Eis: Natur spricht für sich selbst.

Quelle: gey / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2004, Nr. 220 / Seite 33
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