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Kommentar : Abrißbirnenrhythmus

  • Aktualisiert am

Gut geklaut ist halb gewonnen - zumindest bei Musik in der deutschen Werbung. In anderen Ländern werden dagegen echte Hits als Firmenwerbung kreiert.

          Man ist hierzulande zurückhaltend mit selbstkomponierten Firmenhymnen. Die guten sind geklaut und werden auch nur zu Werbezwecken eingesetzt, bei denen einem wenig feierlich zumute wird. Jeder erinnert sich noch an die Dreistigkeit der Firma Langnese, die in den siebziger Jahren vormachte, wie sich klebriger und obendrein noch nicht einmal kaltgeschleuderter Honig unter den Klängen des "Beatles"-Liedes "Good Day Sunshine" geradezu in ein Produkt mit, nun ja, sex appeal verwandelte.

          Auch "C & A" wußte seine Ware mit dem schönen Lied "Dream A Little Dream Of Me" von Cass Elliot beachtlich aufzuwerten. (Mama Cass, die das Lied ihrerseits bei Kate Smith geklaut hatte, war eine der beiden Sängerinnen der Hippie-Gruppe "The Mamas & The Papas". Sie heiratete nach ihrer ersten Ehe mit einem nicht sonderlich bekannten Rockmusiker einen deutschen Baron namens Donald von Wiedenmann und war leider sehr korpulent. Am 29. Juli 1974 starb sie dreißigjährig an Herzversagen, nachdem sie sich an einem Sandwich verschluckt hatte.) Nicht zu vergessen schließlich "Sail Away", das sich in der Version Hans Hartzens wie Joe Cockers gleichermaßen wunderbar mit dem Bier von Beck's ergänzt - ein Kritiker sagte einmal, das Lied sei so labberig wie das Bier.

          Keine „corporate identity“

          Die Liste ließe sich länger fortsetzen, als man denkt; Näheres ist zu erfahren unter www.werbesongliste.de (für die, die nicht fernsehen: BMW wirbt mit dem Trauersatz aus Beethovens Dritter, das Haus Bärenmarke und die Gemüsefirma Bonduelle setzten früher den Radetzky-Marsch ein, während Blaupunkt mit "Driver's Seat" zügige Rockklänge bevorzugt). Selbstkomponierte Firmenhymnen sind dagegen, wie gesagt, selten.

          Das mag damit zusammenhängen, daß es hierzulande eine corporate identity, von der die Manager so gerne sprechen, praktisch nicht gibt, weniger jedenfalls als in, sagen wir: Japan. Dort hat es Tradition, daß zumindest große Firmen und auch Universitäten jeweils eigene Hymnen haben, bei denen es Ehrensache ist, daß die Mitarbeiter sie auswendig singen können.

          Rock on!

          Eine davon hat es nun sogar in die japanische Hitparade geschafft. Es ist der Titel "Nihon Break Kogyo", der allerdings irritierende Zeilen enthält: "Wir werden Häuser zerstören, wir werden Brücken zerstören!" Was sich wie die Drohung einer Terrorgruppe anhört, ist in Wirklichkeit die klangliche Untermalung einer Tatkraft, die dem damit besungenen Unternehmen gut zu Gesicht steht - Nihon Break Kogyo ist eine Abrißfirma. Obendrein scheint die Sache kulturgeschichtlich äußerst durchdacht, ja, praktisch zu Ende gedacht: Wenn nämlich Architektur gefrorene Musik ist (nach Schopenhauer und anderen), dann ist der Abriß derselben freigesetzte, gleichsam entfesselte Musik.

          Rock on! möchte man dem Land schon zurufen, da erinnert man sich daran, was unser Land auf dem Abrißsektor stilprägend zu bieten hat: den "Preßlufthammer B-B-B-Bernhard" der immer noch unterschätzten Band "Torfrock", die Geschichte eines übereifrigen Arbeiters, der mit seinem Gerät in einem unbewachten Moment sogar das Haus seines Vorgesetzten in so kleine Stücke zerlegt, daß es bequem "auf'm Laster" unterzubringen ist - auch so eine Art von corporate identity.

          Quelle: edo., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2004, Nr. 1 / Seite 33

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