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Kommemorationen : Schweizerdenken

Ein Mahnmal in Zürich für die wegen „Hexerei“ hingerichteten Frauen und Männer? Die Schweizerische Volkspartei (SVP) führt ein überraschendes Argument dagegen ins Feld. Bild: dpa

Niederlagen feiert man, an die Hexenprozesse erinnert man nicht. Die Gedenkpolitik im Nachbarland tickt nach einer anderen Uhr.

          Schweizer Uhren sind für den Export bestimmt. Zu Hause gehen sie bekanntlich etwas anders; es ist nicht die Weltzeit, nach der sich das Land richten will. 1945 habe es sich aus der Geschichte verabschiedet, stellte Jean Rudolf von Salis am Ende des Kalten Kriegs lakonisch fest. Die Schweiz gedachte 1989 des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs fünfzig Jahre zuvor, verpasste aber 1995 das historische Datum seines Endes. Auch vom Ersten Weltkrieg war das Land verschont geblieben – deshalb bleibt es jetzt von den Gedenkzeremonien ausgeschlossen.

          Aber natürlich erweist sich dieses zelebrierte Abseits als Illusion; auch Schweizer Uhren ticken nach dem Zeitgeist. Die Politik mag den Ersten Weltkrieg ignorieren, in den Medien ist er sehr wohl präsent. Im Landesmuseum geht es um „14/18 – Die Schweiz und der Große Krieg“. Der war eine innenpolitische Zerreißprobe: Die Deutschschweizer hielten es mit Deutschland, die Romands mit den Franzosen. Ähnlich zerstritten waren die Eidgenossen nur noch in der Europafrage vor zwei Jahrzehnten. Den Kulturkampf über den Röschtigraben hinweg hatten damals Christof Blocher und seine Schweizerische Volkspartei (SVP) mit ihrem Bild einer unschuldigen, von lauter Feinden umzingelten Schweiz aus dem Zweiten Weltkrieg gewonnen.

          Nachdem die SVP im vergangenen Februar auch die friedliche Masseneinwanderung stoppen konnte, schweift sie nun noch viel weiter in die Geschichte zurück: Groß gefeiert werden soll 2015 die Schlacht von Marignano, die vor fünfhundert Jahren gegen die Franzosen verlorenging. Damals starben 10000 Schweizer Soldaten. In einem Weiler in der Nähe von Mailand existiert ein verlottertes Beinhaus, in dem ihre Knochen und Schädel aufbewahrt sind; kürzlich wäre es beinahe abgerissen worden. Blocher war schon als Student dorthin gepilgert, inzwischen kümmert sich eine konservative Schweizer Stiftung um das Erbe. Das gigantische Feiern einer Niederlage, nach der sich die Schweiz von den Schlachtfeldern zurückzog und nur noch Söldner gegen Bezahlung in fremde Armeen schickte, soll den Mythos der Neutralität zementieren.

          Unverjährter historischer Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat sich das Land durch seinen Rückzug kaum mehr schuldig gemacht. Juden hat sie diskriminiert und nicht aufgenommen, doch ermordet wurden sie von anderen. Dem Zeitgeist der Reue und des Büßens muss gleichwohl gefrönt werden: In der unschuldigen Schweiz drängen sich dafür nur die Hexen auf. Seit zwei Monaten leuchten im Gerichtsgebäude von Glarus, wo 1782 Anna Göldi als letzte Hexe in Europa verbrannt wurde, zwei ewige Lichter.

          Auch in Zürich soll nun ein Mahnmal errichtet werden, die Bürgermeisterin ist einverstanden. Zwischen 1478 und 1701 wurden in der Stadt 75 Frauen und vier Männer wegen Hexerei auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Man müsse sich ihrer erinnern, fordert das Parlament. Die SVP, der Hexenprozesse nicht ganz fremd sind, ist dagegen. Und hat dafür eine erleuchtende Begründung: Nicht alle waren unschuldig.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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          Quelle: F.A.Z.

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