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Koffein Springsteens Dienst am Vaterland

19.08.2002 ·  Wer Amerika verstehen will, der kommt an Bruce Springsteen nicht vorbei. Auch der „Spiegel“ nicht. Selbst wenn ihn sein eigenes Interview gar nicht interessiert.

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„Könnte es sein, dass Ihre Fans Sie gerade wegen dieser Bescheidenheit seit Jahrzehnten liebevoll 'The Boss' nennen?“ Oh Gott. Wer möchte wohl ein Interview lesen, das mit dieser Frage beginnt, welche, an wen auch sonst, an Bruce Springsteen gerichtet ist? Springsteens Antwort jedenfalls ist der Frage des „Spiegel“-Reporters Thomas Hüetlin in ihrer Brisanz vollauf ebenbürtig: „Ich habe mich nie um diesen Titel gestritten. Gut, mit der Zeit habe ich gelernt, ihn zu akzeptieren. Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre mir Mr. Springsteen lieber.“ Loriot hätte nun gesagt: Ach was. Hüetlin aber sagt: „Mr. Springsteen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.“

Denn zum Glück ist die „Boss“-Frage nicht die erste, sondern die letzte in dem Interview, das der „Spiegel“ an diesem Montag veröffentlicht. Und das ein gutes Beispiel scheint dafür, was passiert, wenn sich der Interviewer für den Interviewten nicht besonders interessiert. Was im Falle Bruce Springsteens ja nicht ganz unverständlich ist. Seit drei Jahrzehnten macht der Mann aus New Jersey nun straighten Gitarrenrock, pflegt das Image des harten Arbeiters und des anständigen Kerls, der nicht vergessen hat, wo er herkommt. Keinerlei Glamour geht von ihm aus, dafür hat er eine riesige Fangemeinde. Ein Mann für die Massen. Dessen Lieblingsthema der amerikanische Traum ist, den er durchaus nicht unkritisch betrachtet. Was ihn nur noch amerikanischer macht.

Dienst fürs Vaterland

Wer Amerika verstehen will, diese Regel gilt nach wie vor, der kommt an Bruce Springsteen nicht vorbei. Erst recht nicht, wenn jener ein neues Album herausbringt, das sich mit dem 11. September auseinandersetzt. Würde Michael Jackson das tun, so würden ihn die Kritiker schon vorab dafür schelten, die nationale Tragödie mit süßlichen Klagesongs zu entweihen, während Madonna sofort der Vorwurf träfe, schamlos das Ereignis für einen neuerlichen Imagewandel zu nutzen. Bruce Springsteen aber muss solche Reaktionen nicht fürchten. Weil das vereinte Amerika ihn als sein Sprachrohr betrachtet, muss er die Arbeit an seiner Platte „The Rising“ geradezu als vaterländische Pflicht betrachtet haben.

„The Rising“ ist das erwartete Werk geworden: traurig, aber trostspendend, ein Wundpflaster für Amerikas verletzte Seele und eine Ode an die menschlichen Werte Zusammenhalt und Aufbauwillen, die nun nötiger sind denn je. Viel erklären muss man da nicht. Thomas Hüetlin aber muss, wohl eher im Auftrag der Hamburger „Spiegel“-Redaktion als auf eigenen Wunsch, mit Springsteen ein Interview führen: noch so ein erwartbares Werk.

Todeskult ist nicht sein Ding

„Was war Ihre unmittelbare Reaktion am 11. September?“ - „Ich ging in die Kirche.“ - „Andere Menschen reagieren auf Krisen mit Agonie, Sie greifen zur Gitarre. Was treibt Sie in solchen Augenblicken zu ihrem Lieblingsinstrument?“ - „Die Gitarre ist das Werkzeug, mit dem ich versuche, der Welt einen Sinn zu geben.“ - „Woher kommt diese Sehnsucht nach Dauer in einem schnelllebigen Geschäft?“ - „Der Todeskult des Rock'n'Roll ist nicht mein Ding.“ - „Sie sind einer der erfolgreichsten Musiker in der Geschichte des Pop. Wo sehen Sie selbst Ihren Platz in der Ruhmeshalle des Rock'n'Roll?“ Sowie: „Könnte es sein, dass Ihre Fans Sie gerade wegen dieser Bescheidenheit seit Jahrzehnten liebevoll 'The Boss' nennen?“ Aber das hatten wir schon.

Ob Hüetlin auch privat Bruce Springsteen hört? Dagegen spricht, dass der Leser während des gesamten Interviews den Spickzettel knistern zu hören meint, auf dem sich Hüetlin die wichtigsten Stichpunkte notiert hat: Erfolgreicher Musiker. Born in the USA. Lieblingsinstrument Gitarre. Themen: die kleinen Helden des Alltags. Letzteres Klischee hat Springsteen selbst ganz vergessen, sagt er doch nur: „Es geht mir um die Würde normaler Menschen, um Typen, die ihren Job tun...“ Gut, dass Hüetlin da ist, der ergänzt: „...die kleinen Helden des Alltags...“

Suche nach Dialog

Und weil Todeskult, wie er selbst sagt, nicht Springsteens Ding ist, fehlt auf seiner CD - was Hüetlin mit gespielter Überraschung feststellt - „der Wunsch nach Rache“. Statt dessen findet sich ein Song, der Rock'n'Roll mit arabischen Gesängen koppelt. „Ein Plädoyer für Versöhnung statt Konfrontation?“, folgert der Interviewer messerscharf. Und siehe da, er liegt richtig: „Die Suche nach dem Dialog scheint mir eine Aufgabe zu sein, der sich ein Künstler stellen sollte.“ Dieser Aufgabe hat sich auch der Journalist Thomas Hüetlin gestellt. Wirklich fündig geworden ist er nicht.

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