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Koffein : Schnackseln Schwarze lieber als Weiße?

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Die Weltprobleme, aus Sicht des Adels. Gloria von Thurn und Taxis salopper Auftritt bei „Friedman“.

          Kaum ist die Debatte über 68 und die bösen 70er abgeflaut, ist in Deutschland wieder mal eine Diskussion über traditionelle Werte ausgebrochen. Doris Schröder-Köpf will deutsche Kinder strenger erzogen wissen, Angela Merkel sie in Schuluniformen stecken. In der Talkshow „Friedman" erteilte nun Fürstin Gloria von Thurn und Taxis dem Fernsehpublikum (1,6 Mio.) eine Lektion in Neokonservativismus.

          Für Ihren Sohn Albert, dem die Schuluniform wahrscheinlich nicht fremd sein wird, bat die Fürstin, Autorin des Buches „Unsere Umgangsformen", um Verständnis. Ihr Sohn hatte den Familienvater auf dem Starkbierfest nur deshalb verprügelt, weil dieser Unhold eine Frau mit einem Bierkrug traktieren wollte. Ritterlich! Regel Nummer 1: „Prügeln auf der Kirmes nur für das schwache Geschlecht."

          Südlich des Schnacksel-Äquators

          Es passiert selten, aber Michel Friedman, der seinen Talkgästen gerne auf die Pelle rückt und sie in eine Art Kreuzverhör nimmt, blieb der Mund offen stehen. Gerade hatte die Fürstin die These aufgestellt, das Aids-Problem in Afrika sei durch Verhütung nicht zu lösen, denn: „der Schwarze schnackselt halt gerne!".

          Mit so viel „Einfalt im Porzellanladen" (Tageszeitung) hatte Friedman nicht gerechnet. Er einigte sich - sichtlich kalt erwischt - mit der Fürstin schließlich auf den Mindeskonsens, dass da, wo das Wetter schön ist, besonders gerne geschnackselt werde. Ob schon Süddeutschland südlich des Schnacksel-Äquators liegt, blieb offen. Sex sei jedenfalls nicht zu „Jux und Dollerei" da, sondern zum Kinderkriegen, so die Fürstin.

          Degoutant

          „Bild" fand den Auftritt der blaublütigen Fachfrau für Umgangsformen „degoutant" und ließ zahlreiche erboste schwarze Medienschaffende zu Wort kommen, nur einer fand Glorias Auftritt „gigantisch". Die „Welt" hingegen verpasste ihr trocken die „Kopfnote" 5.

          Bei alldem wird man das Gefühl nicht los, dass es zu den Umgangsformen der Fürstin gehört, solcher Kritik mit einem müden Lächeln zu begegnen. Wäre ihr die Selbstreflexion zu eigen, hätte sie sich nach der ersten geplatzten Bombe wenigstens bei den Themen „Sterbehilfe" und „Kanzlerkandidat der CDU" zurückgehalten. Doch auch hier schreckte sie vor nichts zurück: „Edmund Stoiber ist vor allem sexy, dies ist für uns Frauen besonders wichtig." Regel Nummer 2 des fürstlichen Knigge scheint zu lauten: „Sexy: immer gut. Sex: nur in der Ehe." Nummer 3 wäre dann: „Rede in politischen Talkshows, wie Dir der Schnabel gewachsen ist. Bevor sich Gastgeber und Zuschauer von Deiner unverblümten Meinung erholt haben, ist Dir bereits das nächste Bonmot eingefallen."

          Das Konzept mit der (quasi-höfischen) Erziehung und den Schuluniformen muss angesichts solcher Auftritte wohl neu überdacht werden. - Auch Piloten lassen sich wegen ihrer Uniform ja offensichtlich nicht vom Streiken abhalten. Und ein Gleichheitsgefühl scheint eine Uniform nur unter Trägern derselben auszulösen.

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