03.04.2002 · Unglaublich: Black-Sabbath-Legende Ozzy Osbourne macht auf braven Vorstadtvati und lässt MTVs Einschaltquote explodieren.
Sechs Monate lang hatten sie die Kameras auf dem Hals oder besser wohl im trauten Heim. Es gab kein Drehbuch. Die ausgestrahlten Szenen zeigen angeblich, wie das Leben bei Hardrockers zu Hause wirklich spielt. Black-Sabbath-Legende Ozzy Osbourne macht seine zweite Karriere auf MTV, beschert dem amerikanischen Sender sechs Millionen Zuschauer an einem normalen Dienstagabend und damit die höchsten Einschaltquoten in dessen 24-jähriger Geschichte.
Produzenten großer amerikanischer Networks halten bereits nach ähnlichen Rezepturen Ausschau, wie die „New York Times“ berichtet. MTV Executives glauben, mit der halbstündigen Sendung „The Osbournes“ ein neues Fernsehgenre etablieren zu können. Man hofft auf „the big thing“, und Brian Graden, MTV's Programm-Präsident, nimmt den Mund recht voll: „Julia Roberts wird in ihren nächsten Urlaub ein Fernsehteam mitnehmen müssen, wenn sie eine entwicklungsfähige Figur bleiben will.“
Stars sind Menschen
Auch die Akademiker schenken dem Osbourne-Phänomen ihre Aufmerksamkeit. „Die Show ist lustig, aber sie ist auch bezeichnend für dieses Zeitalter der Berühmtheiten“, findet Anna McCarthy, eine Professorin für Medienstudien an der Universität von New York. Erst hätte man die gewöhnlichen Leute zu Protagonisten gemacht, nun nehme man die Stars und mache sie zu durchschnittlichen Charakteren, um komische Effekte hervorzurufen.
Von den früheren Weggefährten und Fans des ehedem daueralkoholisierten „Prince of Darkness“ hört man, dass sie gar nichts mehr verwundert. Doc Coyle, Lead-Gitarrist bei der Metal-Band „God Forbid“, meint, Ozzys Hirn sei ohnehin „gebraten“.
Zum Mythos des ins mittelständische Birmingham hinein geborenen Osbourne gehört der Verzehr eines Fledermaushauptes bei einem Auftritt im Jahre 1982. Das Konzert endete im Krankenhaus mit einer Tollwutimpfung. Auf bodenlose Abstürze folgten Entziehungskuren. Erst Mitte der 90er Jahre zeichnete sich eine neue Phase ab, hinter der Osbournes geschäftstüchtige Ehefrau Sharon Arden stand. Sie hauchte dem hinsiechenden Markenzeichen Black Sabbath neues Leben ein. Mehrere Reunion-Touren und Best-Of-Alben erwiesen sich als Kassenschlager. 1996 fand das erste Ozz-Fest statt, eine jährlich ausgetragene Sommerveranstaltung, die mittlerweile zu den wichtigsten auf ihrem Gebiet zählt.
Gruselrocker im Familien-Idyll
Auf MTV sitzt der Gruselrocker jetzt im selbstgemachten Idyll. Er wohnt in den Hügeln von Beverly Hills in einer üppig dekorierten, neu-gotischen Villa zwischen Kristall, Chintz und Totenköpfen. Als typischer Vorstadtvati hat er folgende Probleme: die Fernbedienung, den chaotischen Haushalt und die Menagerie seiner Frau, die aus inkontinenten Katzen und Hunden besteht. Man liebt sich und beschimpft sich. Die schlimmsten Flüche werden rausgepiept. Das Dauer-Piepen hält Amerikas Fernsehindustrie nicht davon ab, nach vergleichbaren Formaten zu schauen.