18.12.2002 · Die Suchmaschine Google hat im Internet unheimlichen Einfluss. Jetzt fabriziert sie per Computer sogar News.
Von Alexander BartlAls das Internet noch jung war und der Neue Markt den Himmel auf Erden versprach, galt eine übersichtliche Homepage als beste Gewähr für den Erfolg eines Unternehmens, das mit der Zeit ging. Wenn sich der Kunde zurechtfand auf der Benutzeroberfläche und schnell an sein Ziel gelangte, schien die Rechnung aufzugehen. Seit die Informationsflut über alle Ufer getreten ist, wirft das Online-Geschäft allerdings neue Existenzfragen auf.
Die Erfindung der Suchmaschine mußte ein Segen gewesen sein für alle, die kein weltweit geläufiges Markenprodukt feilbieten. Die 1998 gegründete Suchmaschine "Google" hat dem Wunsch nach Übersicht und klaren Strukturen erfolgreicher als andere entsprochen. Nun regt sich allerdings Widerstand gegen das Auswahlverfahren der marktbeherrschenden Suchmaschine, wie zuletzt im Wirtschaftsteil der "New York Times". Viele kleinere Unternehmen, deren Firmenslogan im Meer der Namen untergeht, sind darauf angewiesen, mit ihren Websites auf den Google-Trefferlisten an prominenter Stelle zu rangieren. Wer vorn steht, wird wahrgenommen, und so kann ein Spitzenplatz ungeahnten Profit bedeuten. Sobald der Google-Kunde und damit der Online-Verkauf zu einer festen Größe in den Bilanzen wird, entscheidet die Rangfolge der Suchmaschine über Sein oder Nichtsein der Firmen.
"Obwohl wir uns wünschen, daß Firmen erfolgreich sind, raten wir davon ab, daß sie sich auf unsere Dienste verlassen", sagt Debbie Frost, die internationale PR-Managerin von Google. Herausgehoben aus dem Datenstrom, wächst die Reichweite sprunghaft ins Unermeßliche. Das kann einen Geldregen bedeuten, aber Google läßt manche Adressen fallen, so wie die Suchmaschine andere nach einem geheimen Schlüssel in den erlesenen Kreis aufnimmt. "Google erneuert seinen Index alle drei bis vier Wochen", sagt Debbie Frost: "Wir finden neue Websites, wir verlieren andere, und auch die Rangfolge kann sich ändern. Aber unsere Resultate sind absolut objektiv, weil sie von mehr als hundert Suchkriterien abhängen." Es ist nicht unerheblich, auf welchen Platz die Adresse eines Unternehmens gelangt, zumal dann, wenn die Trefferquote in die Zehntausende geht. Wen es bei der nächsten Netzsäuberung trifft, kann niemand genau vorhersagen. Weil Google aber verläßlich, schnell und vor allem kostenlos arbeitet, hat das Unternehmen seine Konkurrenten rasch überflügelt.
Die Benutzer und potentiellen Kunden schlagen mit ihren Stichworten begehbare Schneisen in den Wildwuchs. Binnen Sekunden erscheint eine Liste mit Internetportalen auf dem Bildschirm, die allesamt die gewünschten Schlagworte enthalten. Wie eine Sonde, die sich per Mausklick in den Datenwust senkt, liefern die Suchbegriffe einen individuell bestimmbaren Informationsquerschnitt. Anders als die Suchmaschinen der sogenannten ersten Generation, deren Redakteure Einfluß hatten auf die Tefferquote, wird die Google-Liste nicht von Menschenhand erstellt, sondern durch ein Computerprogramm. Im Kern soll ein Internetportal nach dessen Popularität im Netz eingestuft werden.
Das "PageRank"-Verfahren beruht auf einem mathematischen Schema, das nach formalen Kennzeichen fahndet, um die Bedeutung einer Adresse zu bewerten. Dabei fällt vor allem die Anzahl der Links ins Gewicht, die auf eine bestimmte Seite verweisen. Wird eine Homepage von vielen anderen empfohlen, rückt sie auf; sobald ein Verweis auf der Nachbarseite gelöscht wird, kann das den Absturz bedeuten, obwohl die Website unverändert blieb. Um den Einfluß der Benutzer zu verringern, knüpft Google ein Netz von Abhängigkeiten, welches der einzelne kaum überschauen kann. Leicht läßt sich die computergesteuerte Auswahl gegen Kritiker in Stellung bringen: So beteuert Debbie Frost, daß dabei "garantiert niemand seine Finger im Spiel hat", folglich auch kein Google-Programmierer zur Rechenschaft gezogen werden könne.
Längst hat das Verfahren eine Schar von Experten hervorgebracht, die sich mit den Finessen des Google-Algorithmus beschäftigen, um den Internetauftritt ihrer Kunden zu optimieren, was soviel heißt, daß sie das betreffende Portal in den Spitzenbereich der Trefferliste führen. So ist ein Wettstreit entstanden zwischen Suchmaschinenoptimierern und Google, wobei die Grenze zwischen legalen und unerlaubten Tricks wiederum allein von Google gezogen wird. Google verwaltet, regelt und beherrscht immer größere Datenmengen. Was hier nicht auftaucht, ist nicht vorhanden. Schon jetzt beziehen die vormaligen Rivalen AOL und Yahoo ihre Trefferlisten von dem Suchgiganten Google, der sich konsequent zu einer Art Wissenssupermacht fortentwickelt.
Vielleicht waren es die Google-Ingenieure irgendwann leid, ihr raffiniertes Programm auf die Suche nach Staubsaugern, Unterwäsche und Kugelschreibern loszuschicken. Wer im Sekundentakt tausend Quellen durchpflügen kann, ist zu Höherem berufen. Nicht der Alltag, sondern Weltbewegendes sollte sich unter dem Google-Signet wiederfinden. Seit September ist nun die Beta-Version des Nachrichtenportals "Google News" in Betrieb, wo im Minutentakt insgesamt viertausend Publikationen durchforstet werden. Kein Redakteur greift ordnend ein, weshalb das Nachrichtenangebot als absolut unbestechlich gilt. Auch hier wird die Qualität einer Quelle in ein Zahlenverhältnis von Angebot und Nachfrage überführt, wobei die politische Tendenz außen vor bleibt. Das führt mitunter zu recht kuriosen Top-Meldungen, die der Computer als Sensation einstufte. Wenn der Papst an prominenter Stelle bestätigen darf, daß er demächst Kroatien besuchen werde, ist das zumindest extravagant. Aber insgesamt spiegelt Google News das Tagesgeschehen ohne Schlenker ins Absurde.
Das Ganze ist fein programmiert mit einer Software, welche der so vertrauten wie gefürchteten Suchformel ähnelt. Wie der Schlagwortkatalog schöpft der Nachrichtenservice aus vorhandenen Texten, allerdings hat die Suchmaschine dazugelernt, weil sie nicht mehr willfährig nach vorgegebenen Begriffen fahndet, sondern ihrerseits und ohne Zutun des Benutzers festlegt, was aktuell und bedeutend ist. Der Nachrichtenüberblick wird vorerst nur in englischer Sprache erstellt, aber das kann sich ändern. Die Auswahl und Plazierung der Texte nimmt der Computer vor, heißt es im Kleingedruckten. Es bleibt dem Benutzer überlassen, ob er diesen Hinweis als Versprechen oder als Menetekel verstehen will.