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Koffein Die grausame Chefin

02.12.2002 ·  Die Jungunternehmerin Judith Mair avancierte zum Feindbild Nr. 1 der New Economy. Dabei meint sie es eigentlich gut mit den Arbeitnehmern.

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Sie lächelt. Ein zartes, doch unverkennbares Lächeln liegt auf ihrem vom blonden Haar umrahmten Gesicht, ein Lächeln, das beinahe etwas schüchtern wirkt. Eine ihrer Hände liegt in der anderen, beinahe zusammengepresst sieht es aus, die Beine sind ordentlich übereinandergeschlagen, das Kostüm ist abweisend und dunkel. Keine Frage, dass die auf dem Foto abgebildete Person distanziert wirkt, ja verschlossen. Obwohl sie, zum ersten Mal für uns, lächelt.

Auf früheren Bildern, die wir von Judith Mair gesehen haben, hat die 30-Jährige nie gelächelt. Statt dessen blickte sie kühl und streng den Betrachter an, mit einem Ausdruck, der an die Unnahbarkeit und Arroganz eines Supermodels erinnerte. Attraktiv ist Judith Mair durchaus, was man - ohne ihr zu nahe zu treten - als miteintscheidend für ihren Erfolg werten darf. Mair nämlich hat ein Buch geschrieben, das „Schluss mit lustig!“ heißt und ein Plädoyer ist für strenge Verhaltensregeln am Arbeitsplatz: Disziplin und strenge Hierarchien statt Mitbestimmung und kreativem Chaos. Hätte ein 60-jähriger Graukopf ein solches Buch verfasst, es wäre kaum beachtet worden. Die junge, hübsche Judith Mair aber trat eine Tournee durch alle Medien an.

Penetrantes Geduze

„Kölns härteste Chefin“ war sie in der Schlagzeile einer Boulevardzeitung, die auch die seriöse Presse anlockte. Alle druckten ihr Foto und bestaunten das so zart wirkende, als Chefin eines Kommunikationsbüros in der Kölner Altstadt aber offensichtlich gnadenlose Wesen. Es sei eine Lüge, sprach Mair in Mikros und Diktiergeräte, dass Arbeit Spaß mache. Man müsse Angestellten klare Regeln setzen, die alten Werte Fleiß, Pünktlichkeit und Akkuratesse pflegen, sich vom „penetranten Geduze“ und anderen Unsitten der New Economy verabschieden. So sprach Mair, die prompt als Domina der Arbeitswelt zum Dauergast in Talkshows wurde.

Auch dem „Spiegel“ hat Judith Mair, wenn wir uns recht erinnern, ein kurzes Interview gegeben. Um so überraschender, dass sie an diesem Montag schon wieder dort auftaucht: Eine ganze Seite räumt man ihr diesmal für ein Porträt ein, welches ihr Image zum „Missverständnis“ erklärt. So sei die Jungunternehmerin völlig verblüfft, dass man sie als Galionsfigur eines Neokonservatismus feiern wolle.

Die schöne Zicke

So naiv, wie sie sich im „Spiegel“ jetzt gibt, ist die mit allen Wassern des Werbebusiness gewaschene Mair wohl kaum. An ihrem Image hat sie mit ihren provokanten, prägnant formulierten Statements - „Die New Economy war die Pubertät der Wissensgesellschaft. Zeit, dass wir erwachsen werden“ - fleißig mitgebastelt, wohl wissend, dass auch in der Seifenoper die schöne Zicke oft am populärsten ist. Nichts ist dem Verkaufserfolg eines Buches förderlicher als ein Autor oder eine Autorin, die umstritten ist.

Dem „Spiegel“ entnimmt man nun, dass Frau Mair gerade einmal vier Mitarbeiter hat: Allzu viele Menschen sind dem Terror durch „Kölns härteste Chefin“ somit nicht ausgesetzt. Auch lässt sich die Unternehmerin von ihren eigenen Untergebenen duzen. Bemüht sich Judith Mair mit kleinen Schritten darum, ihr Image als Hassfigur der New Economy zu dekonstruieren?

Nomaden der New Economy

Wie auch immer: Die mediale Inszenierung hat verdeckt, dass einiges von dem, was die Buchautorin Mair schreibt, durchaus bemerkenswert ist. Mit ihrer harschen Kritik am „Flexibilitätswahn“ der Unternehmen schlägt sich Mair, die lange Jahre selbst als „Nomadin“ in der New Economy unterwegs war, sogar auf die Seite der Arbeitnehmer. Indem man jenen vorgegaukelt habe, die Firma sei eine große Familie, die Belegschaft ein wirkliches Team, in dem sich jeder für das „Projekt“ opfere, habe man sie im Grunde „beliebig überfordern und ausbeuten“ können. Und wer tatsächlich geglaubt habe, in der New Economy gebe es keine Hierarchien mehr, der dürfte dies spätestens dann als Hirngespinst erkannt haben, als sein Vorgesetzter ihm die Kündigung überreichte.

So verbirgt sich hinter der vermeintlichen Grausamkeit Judith Mair in Wirklichkeit ein bodenständiger, arbeitnehmerfreundlicher Realismus. Und während die letzten Überlebenden der New Economy um 22 Uhr mit ihrem Chef in fröhlicher Runde auf den Teamgeist anstoßen, sind die Angestellten Judith Mairs längst zu Hause bei ihren Familien: Um 18 Uhr ist bei Mair nämlich Dienstschluss. Verbindlich.

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Von Martin Otto

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