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Koffein Bandenkrieger

09.01.2003 ·  Was Peter Jacksons Film "Der Herr der Ringe - Die zwei Türme" mit Martin Scorseses "Gangs of New York" verbindet? Salman Rushdie hat eine Idee.

Von Andreas Kilb
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Daß einmal jemand Peter Jacksons Film "Der Herr der Ringe: Die zwei Türme" in einem Atemzug mit Martin Scorseses "Gangs of New York" nennen würde, hätte sich wahrscheinlich keiner der beiden Regisseure träumen lassen.

Salman Rushdie hat es getan: In einem Beitrag für die englische Tageszeitung "The Guardian" liest er die Filme von Jackson und Scorsese als zwei komplementäre Beispiele der künstlerischen Gestaltung von Kriegshandlungen. "Beide Filmemacher verbindet ein Interesse am Stechen und Schlagen, am Handgemenge, an der realistischen Darstellung des Nahkampfs nach den ,uralten Regeln des Krieges'." Jenseits dieser oberflächlichen Gemeinsamkeit indessen, so Rushdie, könnten "Die Zwei Türme" und "Gangs of New York" einander nicht unähnlicher sein.

Denn wo Tolkien und sein Regisseur Jackson "ein Universum moralischer Absoluta" nach dem Muster des Mächtekonflikts im Zweiten Weltkrieg konstruierten - hier das vollkommene Böse, inkarniert in der "wagnerianischen" Zauberwaffe des Rings, dort eine buntscheckige Allianz von mehr oder weniger heroischen Verfechtern des Guten -, da werfe uns Scorseses Film in einen Hexenkessel moralischer Ambiguität. "Während Messer und Hackbeil, Keule und Schädel, eingeborene und zugewanderte Amerikaner, Protestanten und Katholiken aufeinandertreffen, werden ,gut' und ,böse' nahezu irrelevant." Statt in die Welt der Bibel und der germanischen Heldensagen treten wir bei Scorsese in den Kosmos Darwins ein, in dem nur die Starken überleben: "Und aus dieser Welt, erinnert uns Scorsese, ist unsere entstanden."

Wozu dann der Vergleich? Weil, und das ist Rushdies Punkt, die historische Situation des Frühjahr 2003 ihn nahelegt. Der Krieg, der demnächst womöglich an den Grenzen des Irak ausbricht, wird als gerechter Feldzug im Namen des Friedens und der Menschenrechte ausgegeben. Aber sind nicht alle Kriege auch Bandenkriege? "Die Wahrheit scheint verwirrender zu sein, amoralischer im Sinne Scorseses . . . Der Sturz der gegenwärtigen irakischen Führung mag wünschenswert sein, aber viele der Szenarios für die Auswirkungen dieses Sturzes sind, um das mindeste zu sagen, unerfreulich . . . Dennoch ist es möglich, daß dieser verworrene Krieg am Ende einen besseren Irak für die meisten Iraker schafft, als ihn jedes andere Mittel erreichen könnte. Kurz: wir könnten vor einem Bandenkrieg gigantischen Ausmaßes stehen, brutal, zynisch, atavistisch - ein Krieg, in dem der Held der einen der Schurke der anderen ist -, dem es trotzdem, wie in Scorseses Film, paradoxerweise gelingen könnte, eine modernere Welt hervorzubringen."

Man muß dieser Gedankenkette nicht in allen ihren Gliedern folgen, um gleichwohl von Rushdies Argumentation beeindruckt zu sein. So kann man Kino also auch lesen: als episches Ereignis von moralischen Dimensionen. Nur daß die Frage, ob Saddam Hussein ein Sauron ist, der vernichtet, oder bloß ein Warlord, der entwaffnet werden muß, auch durch Salman Rushdies Filmessay nicht abschließend beantwortet ist. Seltsam auch, daß Rushdie, wenn er über die realistische Darstellung von Kampfhandlungen nachdenkt, nicht auf Ridley Scotts Film "Black Hawk Down" zu sprechen kommt, der schon Anfang des Jahres 2002 über die Londoner und New Yorker Leinwände lief. Denn Scotts düsteres Protokoll eines verunglückten amerikanischen Kommandounternehmens im somalischen Mogadischu im Oktober 1993 gibt wahrscheinlich einen präziseren Ausblick auf einen denkbaren Irak-Krieg als jeder andere Kriegsfilm dieser Jahre.

Bei Scott erfährt man, daß Truppenzahl, Bewaffnung, Klima und Topographie den Verlauf kriegerischer Aktionen ebenso wesentlich mitbestimmen wie Moral und Ideologie. In Mogadischu hatten die Amerikaner die Kampfbereitschaft ihres Gegners unterschätzt - ein Fehler, den sie teuer bezahlen mußten. Nicht das Handgemenge entschied den Tag, sondern die Furcht der westlichen Schutzmacht vor weiteren Menschenverlusten. Insofern lernt man bei Jackson und Scorsese nur, daß Krieg von jeher eine blutige Angelegenheit war. Wie er aber hier und heute aussehen könnte, steht auf einem anderen Stück Zelluloid.

Salman Rushdies Artikel im "Guardian"

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2003, Nr. 7 / Seite 33
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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