Home
http://www.faz.net/-gqz-6lhre
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Körperwelten“ in Istanbul Lockende Leichen

 ·  Gunther von Hagens Ausstellung „Körperwelten“ verstößt gegen den islamischen Respekt vor den Toten. In Istanbul, wo die Schau gerade gezeigt wird, stört das niemanden, noch nicht einmal die höchste islamische Autorität des Landes.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (13)

Die Warteschlange vor dem Istanbuler Ausstellungsraum Antrepot ist lang. Es herrscht ein Andrang, den man nicht einmal aus den Zeiten der Istanbul Biennale kennt. Viele Frauen mit Kopftuch sind unter den Wartenden, auch das ist ungewöhnlich für diesen Ort. Sie alle wollen Gunther von Hagens' „Körperwelten“ sehen, die noch bis zum Freitag laufen und eventuell gar verlängert werden sollen. Nicht jeder in Istanbul kann sich den für türkische Verhältnisse stolzen Preis von umgerechnet zwölf Euro - ein Brot kostet zwanzig Cent - leisten. Doch wer kann, geht hin.

Zweihundertfünfzigtausend Menschen haben seit Juli in Istanbul die „Körperwelten“ besucht. Die türkische Presse überschlug sich mit Lob. Nur eine konservativ-muslimische Zeitung äußerte sanfte Kritik. Angesichts der Debatte, die von Hagens' Leichenshow vor Jahren in Deutschland ausgelöst hatte, ist das verwunderlich.

In einem muslimischen Land, so hat man noch die damals von vielen Seiten äußerst wohlwollend aufgenommene Kritik muslimischer Gemeindevorsteher im Ohr, wäre es undenkbar, die Körper von Verstorbenen derart zu kommerzialisieren. Dass leider nicht viel daran war, beweist nun die Türkei. Sie ist das erste muslimische Land, in der die Schau zu sehen ist.

Von Hagens darf sich inszenieren

Der Islam schreibt strenge Beerdigungsriten vor, in deren Zentrum der Respekt vor dem Toten und die Totenruhe steht. Die Bestattung soll möglichst noch am Sterbetag erfolgen und jede Form von Geschäftigkeit am Grab vermieden werden, weshalb auf muslimischen Friedhöfen die Grabpflege unterbleibt. Dass „Körperwelten“ auf geradezu groteske Weise gegen all das verstoßen, stört nicht nur die türkischen Besucher nicht, sondern bringt offenbar noch nicht einmal die höchste islamische Autorität des Landes in Rage, das Amt für religiöse Angelegenheiten Diyanet. Ein Anruf bei der Behörde in Ankara erntet Ratlosigkeit: ein Statement wozu, bitte? „Körperwelten“? Wann diese Schau denn anfange, will man am anderen Ende der Leitung wissen.

Ausgerechnet im Rahmen des Kulturhauptstadtjahrs wurde die Ausstellung an den Bosporus geholt - man wolle zeigen, dass die türkische Gesellschaft eine sehr offene sei, hieß es seitens der Organisatoren. Dass es keinerlei Debatten über das Vorhaben gegeben hat, beweist wohl eher das Gegenteil. Der Anatomieprofessor von Hagens kann sich in der Türkei auf eine Weise als wissenschaftlicher Aufklärer inszenieren, die ihm in Westeuropa nicht vergönnt war. Und das türkische Bildungsministerium unterstützt ihn dabei: Im ganzen Land bewirbt es „Körperwelten“ als Meilenstein der Volksgesundheit, da die Schau helfen könne, die Anzahl der Patienten in der Türkei zu reduzieren.

Neuntausend Lehrer und achtzig Oberärzte sollen die Ausstellung besucht haben. Außerdem wurden sechzig Schüler aus verschiedenen Provinzen des Landes, die nie zuvor in Istanbul gewesen sind, für hervorragende Lernerfolge mit einer Reise zu „Körperwelten“ belohnt. Auch der türkische Staatspräsident Abdullah Gül und dessen Gattin haben sich von Hagens' Schau vor einigen Wochen angesehen. Sie blieben nur kurz. Leider kommentierte der türkische Staatspräsident seine Eindrücke nicht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1975. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge

Freitod-Fashion

Von Fridtjof Küchemann

Ein Model kniet vor dem Gasherd, eines steht mit einem Stein im Arm im Fluss: Für eine Modestrecke ließ das amerikanische Magazin „Vice“ den Freitod bekannter Autorinnen nachstellen. Was als Kunst gemeint sein soll, verrät die Kunst. Mehr 1