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Königin Beatrix wird siebzig Das Leben hinter der Maske

31.01.2008 ·  Die niederländische Königin Beatrix wird an diesem Donnerstag siebzig Jahre alt. Das Volk schätzt sie, doch es liebt sie nicht. Denn ihren Job absolviert sie lächelnd, perfekt und unnahbar.

Von Dirk Schümer
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Ihren siebzigsten Geburtstag feiert Beatrix, Königin der Niederlande, heute daheim in Den Haag im Familienkreis. Schon dieser entschiedene Wille zur Privatheit, mit dem sie auch vor zehn Jahren ein gewaltiges Straßenfest in Amsterdam absagen ließ, spricht Bände über die hochkomplexe Persönlichkeit dieser Monarchin. Seit 1980 auf dem Thron, erledigt sie den Job tadellos, ist in nahezu jedermanns Urteil für Land, Familie und Europas Adel ein Ideal an Pflichterfüllung - das Inbild einer Königin, wenn sie mit betonierter Hochfrisur Hände schüttelt, das harte Programm von Staatsbesuchen klaglos absolviert und sich vom Volk mit fixiertem Lächeln feiern lässt.

Und doch gibt es hinter dieser Mustermonarchin eine andere Frau. Das ist die Beatrix, die heute ihr Volk aussperrt. Auch der Beruf der Königin kennt einen Feierabend. Gemeinsam mit den Niederländern feiert sie als sichtbare, als offizielle Beatrix erst am inzwischen traditionellen „Koninginnedag“, dem 30. April, dem Geburtstag ihrer Mutter. Da wird sie zwei friesische Städtchen mit ihrer Anwesenheit beehren, während das ganze Land feuchtfröhlich und orange eingefärbt sich selbst und das Königshaus Nassau-Oranien hochleben lässt.

Rückkehr ins traumatisierte Mutterland als Symbol des Fortbestehens

Die Verehrung, die dem Amt der Königin gerade im tief demokratischen und unzeremoniellen Holland entgegenschlägt, hat historische Gründe: Erst spät, im Jahr 1815, bekam und akzeptierte die Kaufmannsrepublik, die sich bis dahin einen Statthalter gehalten hatte, die Monarchie. Und erst mit dem Widerstand gegen das Naziregime wurde das Oraniengefühl, damals auch vom Historiker Johan Huizinga untermauert, zum Inbegriff von nationaler Identität und Behauptungswillen. Beatrix wurde mit zwei Jahren zur Heimatvertriebenen, in Kanada eingeschult, und sie kehrte als Symbol des Fortbestehens in ihr ausgeblutetes, tief traumatisiertes Mutterland zurück. Dieses wichtige Kapital ist unter dem Nivellierungsdruck der Globalisierung und der Europäischen Union kaum zu überschätzen, und Beatrix hat stets pflichtgetreu das Ihre getan, damit das Haus Oranien und die Niederlande weiter zusammengeschweißt bleiben.

Königin Beatrix wird siebzig: Das Leben hinter der Maske

Die joviale Attitüde ihrer Mutter Juliana hat sie jedoch hinter sich gelassen: Beatrix hat die steife Anrede „Majesteit“ wieder eingeführt und lässt ihre streng selektierte Dienerschaft rotieren. Es soll zu keiner Vermischung von unten und oben kommen, denn dann hätte das Königtum auch noch den letzten, den zeremoniellen Sinn verloren. Nicht nur bei ihrem verstorbenen Ehemann, Prinz Claus, war die Strenge dieses Zeremoniells schmerzlich zu spüren. Während der schwerkranke Claus öffentlich seine Krawatte wegwarf und zum vielleicht einzig beliebten Deutschen unter den Niederländern wurde, warf man der Königin immer öfter vor, dass sie in ihrer Amtsausübung erstarre, dass sie zu wenig Wärme und Spontaneität zeige, dass sie die Bürger von oben herab behandele und bevormunde.

Niemand hat die Dialektik der Krone durchschaut wie sie

Ein Blick auf Internetforen zum Siebzigsten der Königin zeigt, wie bestürzend sich dieser Eindruck verfestigt hat. Mag das Königshaus als wichtigste Stütze der niederländischen Nation dastehen und man als Republikaner in Holland gesellschaftlich erledigt sein - die kecken Untertanen äußern dennoch den Wunsch, Majestät möge endlich zugunsten ihres lockereren Erstgeborenen Willem-Alexander abtreten, solle endlich mit ihren zahlreichen Enkelkindern das Leben genießen und aufhören, mit ihrer besserwisserischen Art als „Königin der Reichen“ dazustehen. Eine Monarchin, die wahrhaft vom Volk geliebt würde, bekäme warmherzigere Gratulationen.

Der hochintelligenten Beatrix, die Soziologie und Staatsrecht in Leiden mit Bravour studiert hat und in ihrer Freizeit bildhauert, war es nicht anders bestimmt. Wohl kein anderes gekröntes Haupt hat die Dialektik dieses merkwürdigen Berufes zwischen Boulevard und Feudalismus, zwischen Idolatrie und Entwürdigung besser durchschaut als sie. Bei ihrer Verlobung mit Claus gab es massive antideutsche Straßenproteste, bei der Hochzeit, die sie 1966 demonstrativ im linken Amsterdam beging, stürmten militante Hausbesetzer beinahe die Feierlichkeiten. In diesem Umfeld entschloss sich die junge Frau, deren unschätzbare politische Erfahrungen als Mitglied des Staatsrates bis 1956 zurückreichen, zu einem wagemutigen Paradoxon: das Amt als Mutter der Nation autoritär zu interpretieren.

Offenheit, Rechtfertigungen, Erklärungen gibt es nicht

Wie resolut und stur Beatrix ihre Vorstellungen und Interessen in der Tagespolitik ausficht, können nur die Premiers und die diversen Fachminister wissen, doch sie dürfen nichts dazu sagen. Die Monarchin ist nach niederländischem Staatsrecht zwar Mitglied der Regierung, doch die Regierung trägt für alle ihre Taten und Aussagen die Verantwortung. Offenheit, Rechtfertigungen, Erklärungen gibt es nicht. Die Rechtsperson einer Königin jenseits des Rechts, doch ohne Persönlichkeitsrechte gibt Angelegenheiten des Königshauses zuweilen einen komisch-byzantinischen Anhauch, bei dem die Amtsträger sich um jede Faktenbehauptung schamhaft herumdrücken.

Über die Jahre sind freilich Gerüchte nach außen gedrungen: Hat Beatrix einen geschiedenen Diplomaten vor einem Staatsbesuch in Südafrika abberufen lassen? Hat sie die Degradierung ihres Vaters, Prinz Bernhard, nach dessen Bestechungsaffäre um Lockheed-Flugzeuge am Ende durch eigene Machtworte aufheben können? Hat sie an den Wahlergebnissen vorbei Regierungsbündnisse geschmiedet wie die „lila Koalition“ unter Wim Kok? Es wird bei solchen Königsfragen niemals Transparenz geben.

Am schwersten lastet auf dem Haus Nassau-Oranien seit der mörderischen Besatzung von 1940 bis 1945 die Abkunft „von deutschem Blut“, wie es in der Wilhelmus-Hymne zu vielermanns Verdruss heißt. Über Generationen kam der Gemahl der Monarchen jeweils aus Deutschland, Beatrix trägt den urdeutschen Taufnamen Armgard, ihr Vater Bernhard von Lippe-Biesterfeld, der als Mitglied der NSDAP später zum nominellen Chef des militärischen Widerstands gegen die Wehrmacht avancierte, legte im Niederländischen niemals seinen harten westfälischen Akzent ab. Es ist wohl weniger der Zweite Weltkrieg als ein unterschwelliges Gefühl, um die eigene Identität zu fürchten und in dieser Identität neben und vom großen Nachbarn nicht genug geachtet zu werden, das die Deutschfeindlichkeit vieler Niederländer immer noch schwelen lässt. Beatrix muss das wurmen, und sie hat die Verlogenheit beim Umgang mit der Nazi-Kollaboration und den niederländischen kolonialen Untaten auch mutig bei Staatsbesuchen in Israel und Indonesien angesprochen.

Stets perfekt und stets zu perfekt

Doch die Niederländer lassen ihre nationalen Brüche, statt sie zu diskutieren, lieber von der Königin verkörpern. Sie ist deshalb sakrosankt und steht doch in der Kritik, ist stets perfekt und stets zu perfekt. Sagt und will die fromme Calvinistin Beatrix also wieder einmal halbwegs Markantes und spricht sich, wie in ihrer jüngsten Weihnachtsansprache, für Toleranz und gegenseitigen Respekt der Religionen aus (und wer könnte da etwas dagegen haben?), dann ist der Aufschrei bei den Rechtsextremen, die gegen Koran und islamische Zuwanderung kämpfen, riesengroß. Und doch kommen gerade die in ihrer Identität bedrohten Urholländer ohne das Königshaus, ohne dessen Ordensverleihungen, ohne die Fahrt der Monarchin in der Goldenen Kutsche durch Den Haag und die alljährliche königliche Thronrede im Namen der Regierung gar nicht aus. Wäre die Königin also bescheiden, kumpelhaft und schüchtern, wäre die Mehrheit auch wieder unzufrieden. Es ist eine ewige innere Zerrissenheit.

Auf die Einsicht, es zwischen Deutschtum und Niederlandismus, zwischen Monarchie und Volksherrschaft, zwischen Mediengestalt und Mensch sowieso niemandem recht machen zu können, hat Beatrix mit der Existenz hinter der royalen Maske reagiert - und wird diese wohl lebenslang nicht mehr los, auch wenn sie sich bald hinter die hohen Hecken von Haus Drakensteyn in die holländischen Dünen zurückgezogen haben wird. Ihre Mutter dankte am einundsiebzigsten Geburtstag ab. Über einen ähnlichen Zeitpunkt des Thronverzichts von Beatrix wird - natürlich nur hinter vorgehaltener Hand - eifrig spekuliert.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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