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Königin Beatrix übergibt das Szepter Das niederländische Matriarchat geht weiter

 ·  Trotz der Abdankung der Königin - weibliche Pflichterfüllung und weibliche Treue haben die Monarchie der Oranierinnen nachhaltig geprägt.

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© AP Vergrößern Noch lächelt Prinz Willem-Alexander: Ihm fällt zwar jetzt die Macht zu, doch fest steht, daß die Zeit der Herrenreiter endgültig vorbei ist.

123 Jahre Frauenherrschaft - mit dieser Bilanz steht das Königreich der Niederlande im feministischen Zeitgeist einzigartig da. Seit den antiken Amazonen hielt sich keine andere Dynastie über ganze Epochen und heftigste Umbrüche mit und durch Frauen an der Macht. Wenn Königin Beatrix Ende April ihrem Sohn das Szepter überlässt, ist die Erinnerung an ihren cholerischen Urgroßvater Willem III. (“König Gorilla“) nurmehr ein vager Schimmer. Die Niederlande gibt es als junge Monarchie heute einzig durch das Institut der weiblichen Erbfolge. Nicht nur in Gestalt der resoluten, ruhigen Beatrix war sie für das Land allzeit eine sichere Bank.

Was es für die Mentalität der Bewohner bedeutet, sich über Generationen das Staatsoberhaupt nur in Form von stattlichen Damen mit imposanten Hüten, Handtaschen und bunten Couture-Kleidern vorzustellen - diese Frage müssen Mentalitätshistoriker auch angesichts der nicht minder prägenden Königinnen in Großbritannien und Dänemark stellen. Für ihre regierenden Frauen haben die Niederländer ein besonders gutes Gedächtnis; um das festzustellen, reicht eine Sommertour ins nordhessische Arolsen, wo „Koningin Emma“ geboren wurde, also genau die Frau, mit der 1890 das niederländische Matriarchat seinen Anfang nahm. Der Wohnwagentross mit niederländischen Kennzeichen und orangefarbenen Flaggen weist den Weg.

Calvinistischen Übermutter

Von Emma bis Beatrix sind diverse Welten - die ständestaatliche, die agrarische, die koloniale, die christliche - zusammengebrochen. Und auch die 1879 arrangierte Ehe der blutjungen Hessin mit dem 41 Jahre älteren Bonvivant Willem erinnert mehr an Anatolien als an eine moderne Medienmonarchie, wie Beatrix sie ausgeformt hat. Weil das Haus Oranien sonst im Mannesstamm erloschen wäre, hing sein Schicksal damals an der staatsklugen Mütterlichkeit und Leidensfähigkeit von Emma. Hatte ihr sadistischer Gemahl noch durch Affären mit amerikanischen Bardamen oder Opernsängerinnen in Paris Schlagzeilen gemacht, so war die Epoche der hormongesteuerten Alphatiere nach Willems Tod vorbei.

Der niederländische Oranje-Historiker Cees Fasseur hat mit einer Monumentalbiographie untermauert, dass erst die praktisch vaterlos aufgewachsene Königin Wilhelmina Ansehen und Fortbestand der Monarchie grandios sicherte, indem sie im Kriegsexil den Widerstand gegen die Nazis mannhaft anfeuerte und damit - reichlich autoritär - zur calvinistischen Übermutter des Vaterlands wurde. Dass sie selbst einen deutschen Prinzen zum Gemahl hatte, dass ihre Tochter Juliana gar den Nationalsozialisten Bernhard zur Lippe zum Klang von „Die Fahne hoch“ geheiratet hatte, all das spielte keine Rolle mehr, da Bernhard gar zum Chef des militärischen Widerstandes im Exil umgeschmiedet wurde. Ausgerechnet die urdeutsche Dynastie der Oranier wurde bis lange nach 1945 zum Fluchtpunkt gegen die bösen „Moffen“.

Unübertroffener Diensteifer

Die versöhnliche Beatrix dagegen lernte von ihrer Mutter Juliana, die einen unprätentiösen Stil einer Hausfrauenmonarchin pflegte, dass in der Moderne das Institut der Königsherrschaft mehr von einem geschickten Rollenspiel hat als von echter Machtausübung. Und so nahm sich auch die attraktive Beatrix gegen Widerstände einen deutschen Mann. Wie sein Vorgänger-Prinzgemahl Bernhard, der mit Frauengeschichten und Bestechungsaffären eine schlimme Fama ansammelte, offenbarte auch Claus Probleme beim Spielen der zweiten Geige - er wurde depressiv und stach merklich von seiner souveränen, resoluten Königin ab, die ihre Haushaltung straff wie eine Firma organisierte.

Weil nun also - mit jeweils schwachen Männern - vier starke Frauen die Niederlande vom frommen Kolonialzeitalter in die digitale Zuwanderungsgesellschaft geführt haben, erklärt sich das Gefühl des Epochenbruchs, der in den Würdigungen der holländischen Medien durchklingt. Das ist keine Heuchelei, denn auch im Bewusstsein der meisten Bürger war und ist Beatrix eine würdige Repräsentantin des Landes und vor allem eine schwer verzichtbare Symbolfigur der problematisch gewordenen Identität. Dass Beatrix, obgleich in reifem Alter, verwitwet und durch die Agonie eines Sohnes schwer geprüft, noch bei der Abdankung auf ihre Fitness verwies und sich von niemandem drängen ließ, nötigt selbst Republikanern Respekt für so viel Diensteifer ab.

Die Zeit der Herrenreiter ist vorbei

Es ist nicht einmal ausgemacht, dass mit dem Abtreten dieser hartschaligen, aber hochsensiblen Fürstin die Frauenpower im Haag langfristig geschwächt wird. Die argentinische Schwiegertochter Máxima hat sich trotz morganatischer Blutzufuhr in Europas Hochadel als moderne Karrierefrau einen Namen gemacht und oft genug ihren manchmal blassen Gatten in den Schatten gestellt. König Willem-Alexander, wie er bald genannt wird, trägt offenbar nicht zufällig den Namen des letzten männlichen Thronfolgers, der 1884 an Typhus starb, was seinen kalten Vater damals keineswegs veranlasste, die Sommerfrische in der Schweiz abzubrechen.

Der nichtintellektuelle, aber humorvolle und zugängliche Willem-Alexander weiß genau, dass Männer in der Frauenwelt des 21. Jahrhunderts sich auch als Monarchen so herzlos nicht mehr benehmen dürfen. Selbst wenn nun wieder einmal ein König an die Macht darf, so haben ihn seine mächtigen Mütter gelehrt: Die Zeit der Herrenreiter ist vorbei. Und überhaupt wird sein Königtum nur ein Zwischenspiel im so stabilen holländischen Matriarchat bedeuten. Ab dem 30. April heißt die Thronfolgerin Catharina-Amalia. Auf ihrer Grundschule in Wassenaar hat das neunjährige, springlebendige Mädchen bereits eine Klasse übersprungen.

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