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Kölner Botschaft : Gegen Angst und Schrecken

Sorgen um Köln und Europa: „Wir müssen uns kümmern“, sagen die Unterzeichner des Aufrufs – und vor allem die Debatte versachlichen. Bild: dpa

„Et hätt noch immer jot jejange“, sagt der Kölner gern. Aber was, wenn nicht? Prominente wollen mit einer Botschaft den Frieden in die Stadt zurückholen.

          „Wir lieben Köln.“ Dieser Satz mag derzeit befremdlich anmuten, außer in Köln selbst natürlich. Dort ist die Liebe der Menschen zu ihrer Heimatstadt ungebrochen – und unzerbrechlich. Der Lokalpatriotismus ist eine große Stärke der Stadt. Aber auch eine große Schwäche. Ein Gemeinwesen, das am liebsten auf den eigenen Nabel schaut und diesen für den Mittelpunkt der Welt hält, hat einen schiefen Blick auf alles, was es sonst noch gibt.

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

          „Wir lieben Köln.“ So lautet der erste Satz einer „Kölner Botschaft“, die als Aufmacher in allen fünf großen Tageszeitungen im Rheinland auf der ersten Seite stand, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, der „Kölnischen Rundschau“, dem Boulevardblatt „Express“, dem „General-Anzeiger“ Bonn sowie der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“. Vier dieser Blätter gehören ganz oder teilweise der Mediengruppe DuMont Schauberg, die „Rheinische Post“ der Rheinisch-Bergischen Verlagsgesellschaft. Direkte Konkurrenten im Kampf um Leser sind sie nur (noch) in Leverkusen und ein paar kleineren Städten zwischen Köln und Düsseldorf. Dennoch: Einen solchen gemeinsamen Auftritt, der auch in englischer und arabischer Sprache veröffentlicht wird, hat es noch nie gegeben.

          Nicht nur Unterzeichner, sondern ausdrücklich gemeinsame Autoren der „Kölner Botschaft“ sind prominente Kölner, unter ihnen Christiane Woopen, Vorsitzende des Ethikrats, die Schauspielerin Mariele Millowitsch, die Künstlerin Rosemarie Trockel, Rainer Maria Kardinal Woelki, FC-Präsident Werner Spinner, die Schriftsteller Navid Kermani und Frank Schätzing, BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken und der Komödiant Fatih Çevikkollu. Das ist eine bunte, breite Mischung aus Bürgern und Künstlern der Stadt, die auch aus der „verbotenen“ Nachbarstadt Düsseldorf, etwa von Rita Süssmuth und Uni-Rektorin Anja Steinbeck, Fotokünstler Andreas Gursky und Filmemacher Alexander Kluge Zuspruch erfährt.

          Drum kümmern, dass es weiterhin „jot jeiht“

          Dass sie auf Köln erst einmal eine Liebeserklärung abgeben, gehört zum kölschen Ritus, ohne Sentimentalität geht hier nichts, und ist gegenüber der eigenen Leserschaft auch eine Captatio benevolentiae. Aber dann, nach dem Bekenntnis zum „Et hätt noch immer jot jejange“, das „tatsächlich unser Lebensgefühl“ genannt wird, gewinnt die Botschaft schnell die Klarheit in der Sache, die sie für die Debatte über die Geschehnisse in der Silvesternacht wünscht und fordert. „Denn wir merken, wir müssen uns kümmern, damit es unserem Köln weiterhin jot jeiht.“

          Dabei werden die Ereignisse, die „uns alle aufgewühlt, beunruhigt, verunsichert haben“, als Einschnitt gesehen: „Die Ängste, wechselseitigen Vorwürfe, unbeantworteten Fragen und manche reißerischen Medienberichte, die seit der Silvesternacht die Gespräche und Debatten in unserer Stadt beherrschen, drohen zu einer Spaltung in unserer Gesellschaft zu führen.“ Der „wachsenden Polarisierung“ entgegenzuwirken, lässt die Autoren an das Gemeinsame erinnern und vier Forderungen aufstellen, „von denen wir glauben, dass sie nicht nur unsere eigenen sind“: „Denn gleich welchen Geschlechts und Alters wir sind, welcher Herkunft und Religion, welchen Berufs und welcher Partei, welcher sexuellen Orientierung und privaten Leidenschaft, wir alle wollen uns in Köln frei, sicher und offenen Blicks bewegen.“

          In der Reihenfolge setzen die Forderungen bei den Opfern an, den betroffenen Frauen: „Keinerlei Tolerieren von sexueller Gewalt“. Denn: „Viele hundert Mädchen und Frauen sind Opfer sexueller Gewalt und brutaler, offenbar bandenmäßiger Kriminalität geworden.“ Die zweite Forderung lautet: „Kampf gegen bandenmäßige Kriminalität“, die dritte „Konsequenzen aus dem behördlichen Versagen“, die vierte „Schluss mit fremdenfeindlicher Hetze – Deutschland bleibt ein gastfreundliches Land“. Jeder Forderung werden Erläuterungen, „die bei manchen wahrscheinlich Widerspruch provozieren“, in Form von Gedanken und Fragen hinzugefügt, auch Schrecken und Ängste, Zweifel und Ungereimtheiten ausgesprochen, die in diesen Wochen (nicht nur) die Kölner bewegen. „Nichts täte aus unserer Sicht mehr not, als die Debatte zu versachlichen, die wir in Köln und über Köln hinaus seit der Silvesternacht zu Recht führen.“

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          Europa droht seine Seele zu verlieren

          In ihrer Gesamteinschätzung sind die Autoren der Politik von Angela Merkel zumindest nahe: „Allerdings sind wir uns einig, dass eine unkontrollierte Zuwanderung solchen Ausmaßes, wie wir sie seit dem Herbst beobachten, nicht von Dauer sein kann. Nur halten wir einfache Lösungsvorschläge wie eine abstrakte Höchstgrenze oder die Schließung der deutsch-österreichischen Grenze für illusionär. Eine Flüchtlingspolitik, die human, gerecht und auch langfristig ausgerichtet ist, kann es nur im europäischen Verbund geben. Daher gilt unsere Sorge heute nicht so sehr Deutschland als vielmehr Europa, das durch den neu aufflammenden Nationalismus seine Seele zu verlieren droht.“

          Im Deutschlandradio Kultur äußert sich der Intendant des Kölner Schauspiels Stefan Bachmann – Schweizer und Neu-Kölner – über den Apell. Dass man nun als naiv und blauäugig hingestellt werde, das müsse man eben aushalten. „Und vor allem muss man auch mal wieder was richtigstellen: Warum ist eigentlich Gutmensch ein Schimpfwort? Was ist daran bitteschön schlecht?“

          Quelle: F.A.Z.

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