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Veröffentlicht: 20.01.2012, 12:21 Uhr

Kodak gibt auf Nur der Knopf bleibt

Erst mit George Eastman und Kodak gab es einen Massenmarkt für Foto-Amateure. Die digitale Gegenwart will ohne die Firma auskommen. Ein schmerzlicher Verlust.

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© Archiv Der einfache Weg zum eigenen Bild: Diese Werbebotschaft transportierten die „Kodak-Girls“

Dass es eine Welt ohne Kodak geben könnte, machte in Deutschland vor drei, vier Jahren eine erste Erschütterung deutlich. Damals nahm Aldi die Kleinbildnegativfilme aus dem Programm, und wo sich neben den Kassen stets die gelben Kästchen mit dem roten Schriftzug gestapelt hatten, lagen plötzlich Speicherchips für Digitalkameras und stapelweise silbern schimmernde Scheiben. Nun hat der Seismograph bis an die Oberkante ausgeschlagen: Kodak meldet Insolvenz an. Die Millionen, wenn nicht sogar Milliarden von Fotoamateuren weltweit nehmen ihre Bilder längst allesamt elektronisch auf. Die Profis sind ihnen gefolgt. Nur auf dem Markt für Kunstfotografie hört man bisweilen noch die Vokabel „analog“. Sie wird ausgesprochen, als handele es sich um etwas Heiliges.

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Hinter Kodak steht George Eastman. Ursprünglich Bankangestellter, wechselte er 1880 mit sechsundzwanzig Jahren in die Fotobranche. Zunächst arbeitete er an einer Trockenplatte, die den Fotografen von ungeheurem Ballast befreite - den Kanistern und Wannen voller Chemikalien sowie der transportablen Dunkelkammer, in der die Glasnegative unmittelbar vor der Aufnahme hergestellt und unmittelbar nach der Aufnahme, solange sie noch feucht waren, entwickelt werden mussten. Doch selbst dann hing die Zahl der Bilder, die man auf einer Reise machen konnte, wie Eastman seinen Erfinderdrang begründete, von der Fähigkeit des Fotografen ab, „die Rolle des Packesels zu übernehmen“.

Eastman At Sea © Getty Images Vergrößern Firmengründer George Eastman 1890 mit seiner Erfindung, der Kodak Box-Kamera

Der nächste entscheidende Sprung war seine Hilfe bei der Entwicklung des Rollfilms auf Papier und Zelluloid. Beide waren nicht seine Erfindungen, aber wie er das neue Material nun direkt mit einem neuen, einfach zu bedienenden Fotoapparat verband, sorgte für eine Revolution in der Fotografie. Im Sommer 1888 brachte er die Kodak Nr. 1 auf den Markt und ließ den Namen ins Handelsregister eintragen, ein Wort, das er sich selbst ausgedacht hatte: kurz, leicht auszusprechen, und es erinnere, wie er sagte, an nichts Vergleichbares. Die kleine Kamera eröffnete den Massenmarkt. Die Marke wurde zur Ikone.

Ein teurer Erstling

„Sie drücken den Knopf“, wurde der Apparat beworben, „den Rest erledigen wir.“ Und damit auch jeder begriff, wie einfach das war, zeigten Prospekte und Plakate Mädchen und junge Frauen mit der Kamera: die Kodak-Girls. Der Kunde erhielt die Box gleich mit einem Film für hundert Aufnahmen. Um ein Bild zu machen, musste er bloß eine Schnur ziehen, einen Schlüssel drehen und auf den Auslöser drücken. War der Film voll, wurde die Kamera nach Rochester geschickt, wo der Film entwickelt, die Bilder abgezogen und eine neue Negativrolle eingelegt wurde.

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An eine Besonderheit allerdings mussten die Knipser sich gewöhnen: Die Bilder waren rund, mit einem Durchmesser von 6,2 Zentimetern. Weil die Objektive nichts taugten, wurden durch eine Bildmaske im Gehäuse die Ränder kurzerhand abgedeckt. Dennoch war der Apparat teuer. Der Preis von fünfundzwanzig Dollar entsprach etwa der Hälfte eines durchschnittlichen Monatslohns. Das Nachfolgemodell aber, die „Brownie“, die im Februar 1900 ausgeliefert wurde und nur einen Dollar kostete, verkaufte sich schon im ersten Jahr hunderttausend Mal.

Ein Kodak-Mitarbeiter schoss das erste Digitalfoto

Was fortan bei Kodak folgte, war von solchem Erfolg, dass die Bezeichnungen Kodakchrome und Ektachrome zu Synonymen für den Diafilm geworden sind und in Amerika die Aussichtspunkte auf die schönsten Landschaften ganz offiziell „Kodak Picture Spots“ heißen. Im Ersten Weltkrieg lieferte Kodak das Material für Aufklärungsflüge. Mitte der dreißiger Jahre überstrahlten zwanzig Meter breite Kodak-Coloramas von Ansel Adams als Werbebanner den Bahnhof Grand Central Station in New York, in einer Technik und Brillanz, wie man sie erst in unserer Zeit in den Arbeiten von Jeff Wall sehen sollte. Und ganz selbstverständlich ließ die Nasa sich von Kodak ausstatten.

Als jedoch in der Fotografie die Elektronik die Chemie abzulösen begann, haben die Traditionsunternehmen wie Kodak, Agfa und auch Polaroid die Entwicklung vielleicht gar nicht einmal verschlafen - sie bewegten sich ganz schlicht zu unsicher auf dem neuen Terrain. So wie ja auch die ersten digitalen Fotoapparate nicht von den bekannten Kameraherstellern auf den Markt gebracht wurden, sondern von Unternehmen der Spielzeug- und Unterhaltungsindustrie. Dabei hatte ausgerechnet ein Mitarbeiter von Kodak, Steve Sasson, die erste Digitalaufnahme der Welt gemacht, 1975 - aber der Konzern folgte der Entwicklung nur halbherzig.

Dass es Kodak-Material nie mehr geben wird, ist dennoch nicht zu befürchten. Irgendein Liebhaber wird die Maschinen und Rechte kaufen, so wie es auch bei Polaroid war. Und Filme wie Papier sehr teuer verkaufen.

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