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Klimawandel Bleibt die Katastrophe doch aus?

17.03.2005 ·  Beim Thema Klimawandel ist häufig die Rede von der Apokalypse. Zwei amerikanische Klimaanalysen dämpfen die Aufregung: Der Klimawandel geht zwar weiter, fällt aber plötzlich kleiner aus.

Von Joachim Müller-Jung
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Der deutsche Umweltminister denkt beim Klimaschutz einmal mehr zielorientiert. Und formuliert entsprechend pointiert. Weshalb Jürgen Trittin in den vergangenen zwei Tagen, die er zuerst in London und danach in Derby in Mittelengland zusammen mit den G-8-Umweltministerkollegen verbracht hat, auch immer wieder eine originelle neuere Klimastudie von Forschern aus Oxford zitierte, in der die Apokalypse den schönsten wissenschaftlichen Anstrich erhalten hatte.

Bis zu elf Grad, mahnte der grüne Minister, wann immer es einer in England es wissen wollte, könne sich die globale Temperatur bis zum Ende dieses Jahrhunderts erwärmen - mit all den katastrophalen Auswirkungen, die dieser Klimakollaps mit sich bringe.

Der Griff zum Äußersten

Natürlich hätte der Minister, wenn er denn mit den Füßen auf festem wissenschaftlichen Boden hätte bleiben wollen, auch jene Spanne von 1,4 bis 5,8 Grad nennen können, die das offizielle Wissenschaftlerorgan der Vereinten Nationen, der "Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)", in seinem jüngsten Bericht auszeichnet. Aber Trittin wollte maximale politische - und psychologische - Wirkung, und so griff er zum Äußersten.

Ein Spiel mit dem Feuer, wie sich jetzt wieder einmal zeigt. Denn kaum, daß Trittin seine kernigsten Sätze in England ausgesprochen hat, erscheinen heute inder renommierten Zeitschrift "Science" (Bd.307, S.1766 u. S.1769) zwei Studien, die seine Politik der Zuspitzung als das überführen, was sie ist: die bewußte Übertreibung. Mehr noch. Die beiden Klimaanalysen, die von zwei der erfahrensten und einflußreichsten amerikanischen Klimaforschern geleitet wurden, sind geeignet, den Alarmismus der vergangenen Jahre nachhaltig zu dämpfen.

„Der Klimawandel ist unvermeidbar“

Dabei haben Thomas Wigley und die Gruppe um Gerald Meehl vom National Center for Atmospheric Research in Boulder (Colorado) in der Bewertung ihrer Ergebnisse alles unternommen, daß der bevorstehende Klimawandel in seinen Auswirkungen keinesfalls harmloser dasteht wie in früheren Arbeiten.

"Der Klimawandel im 21. Jahrhundert ist unvermeidbar", schreiben die Forscher, und selbst wenn die Konzentration der klimaschädlichen Treibhausgase umgehend stabilisiert werden könnte, wäre ein Temperaturanstieg und vor allem ein Anstieg des Meeresspiegels unvermeidlich.

Anstieg des Meeresspiegels

Vor allem die weltweite Anhebung des Meerespiegels sei selbst bei drastischen Maßnahmen zur Emissionsminderung auch auf lange Sicht, das heißt bis ins 25. Jahrhundert, praktisch nicht aufzuhalten. Im Vergleich zur Lufttemperatur, die zumindest durch eine mittelfristige Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen auf ein bestimmtes Niveau begrenzt werden könne, werde sich der Meeresspiegel durch die verzögerte Speicherung in den Ozeanen und die Trägheit des Wasserspeichers unablässig weiter anheben.

Allein die schon registrierte Anreicherung der Atmosphäre mit den Spurengasen werde dazu führen, daß der Meerespiegel bis zum Ende des Jahrhunderts wegen der Wärmeausdehnung des Wassers um elf Zentimeter und wegen des Abschmelzens der Eisschilde um vermutlich noch einmal doppelt soviel ansteigen werde.

Räumliche Auflösung der simulierten Atmosphäre

Soweit die Ergebnisse, die allerdings ein Szenario betreffen, das völlig unrealistisch ist. Denn daß die Konzentrationen der Treibhausgase auf dem heutigen Wert konstant gehalten werden, ist praktisch unmöglich. Deshalb erweisen sich als die eigentlich interessanten Ergebnisse der Studien jene, die sich mit weiter steigenden Emissionen und einer möglichen Stabilisierung, beispielsweise einer auf das Doppelte angestiegenen Kohlendioxydkonzentration von etwa 700 Volumenanteilen, befassen.

Die Modellstudien sind deshalb besonders interessant, weil vor allem die von Meehl vorgenommenen Projektionen die ersten dieser Art mit vollständig gekoppelten dreidimensionalen Atmosphäre-Ozean-Modelle sind - die mithin fortschrittlichsten und rechenaufwendigsten Klimamodelle überhaupt. Auch in ihrem mathematischen Aufbau die "modernsten", wie Meehl vor allem für sein neues "Community Climate System Model Version3" betont, weil etwa die physikalischen Parameter zur Simulation des Klimaverlaufs den neuesten Erkenntnissen angepaßt und die räumliche Auflösung der simulierten Atmosphäre verdoppelt wurde.

Freisetzung von Treibhausgasen

Mit diesen Computermodellen nun kommen die Klimaforscher zu dem Ergebnis, daß sich bei einer Stabilisierung der Kohlendioxidkonzentration auf den - verglichen mit heute - doppelten Wert die globale Temperatur um 1,9 bis 2,6 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts erhöht. Und den schlimmsten Fall angenommen, also eine unverminderte Freisetzung von Treibhausgase, würde die Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 um 2,2 bis 3,5 Grad (und der Meeresspiegel allein durch Wärmeausdehnung um 19 bis 30 Zentimeter) steigen.

Mit einer geschätzten Erwärmung von 3,5 Grad freilich liegen diese Prognosen nicht nur deutlich diesseits der von Trittin propagierten elf Grad, sondern auch noch deutlich unter dem im IPCC-Bericht veranschlagten 5,8 Grad.

Fällt der Klimakollaps ins Wasser?

Im Grunde ist man mit den Modellen wieder dort angekommen, wo man mit dem zweiten IPCC-Bericht vor mehr als zehn Jahren war, bei einer Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zwischen eins und dreieinhalb Grad. Auch der immer wieder kolportierte Zusammenbruch des Golfstroms (und der Anbruch einer neuen Eiszeit in Westeuropa) fällt in den neuen Projektionen vorerst aus.

Fällt also der Klimakollaps ins Wasser? Möglich, wenn die neuen Berechnungen zutreffen, vielleicht aber auch nicht, wenn die Analysen sich einmal mehr als das erweisen, was die Klimaforscher selbst immer wieder andeuten: ein Spiel mit vielen Unbekannten und nach wie vor großen Unsicherheiten.

Quelle: F.A.Z., 18.03.2005, Nr. 65 / Seite 40
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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