Home
http://www.faz.net/-gqz-75m96
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

„Kleine Hexe“ ohne „Negerlein“ Wir wollen vorlesen und nichts erklären müssen

Seit mehr als fünfzig Jahren steht das Wort „Negerlein“ in Otfried Preußlers Klassiker „Die kleine Hexe“. Der Verlag will das jetzt ändern. Zu Recht?

© dpa Vergrößern Der Finger gehört Klaus Willberg, dem Geschäftsführer der Thienemann Verlag GmbH. Während eines Fototermins zeigt er auf eine nun inkriminierte Passage des Kinderbuchs «Die kleine Hexe» von Otfried Preußler.

Keiner prüft so fies wie die Muhme Rumpumpel. Als sie in der Walpurgisnacht die Kenntnisse der kleinen Hexe öffentlich testet, lässt sie diese beispielsweise dasjenige zaubern, „was auf Seite dreihundertvierundzwanzig im Hexenbuch steht“. Doch für die bestens vorbereitete Kandidatin ist das kein Problem. Schließlich, schreibt Otfried Preußler in seinem Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“, kennt die tapfere Titelheldin „das Hexenbuch in- und auswendig“.

Tilman Spreckelsen Folgen:    

Vielen von Preußlers Lesern dürfte das mit seinem 1957 erschienenen Buch ähnlich gehen. Auf sie kommen jetzt harte Zeiten zu. Als Preußlers Verleger Klaus Willberg jedenfalls am Montag erklärte, „Die kleine Hexe“ sprachlich überarbeiten zu lassen, fühlte er sich anschließend einem förmlichen „Shitstorm“ ausgesetzt. „99 Prozent dieser Mails“ hätten „nur Beschimpfungen“ enthalten und sich „inhaltlich nicht mit der Sache auseinandergesetzt“, sagte Willberg dem „Börsenblatt“. Dabei wolle er doch nur „veraltete und politisch nicht mehr korrekte Begrifflichkeiten“ ausmerzen. Im Übrigen seien mit dieser Arbeit „Fachleute“ beauftragt, die sich dabei „mit der Familie Preußler“ abstimmen.

Negerlein, Türken und Chinesinnen

Konkret geht es Willberg um ein Kapitel der „Kleinen Hexe“, in dem von einer Fastnachtsfeier die Rede ist und von Kindern, die sich als „Negerlein“, „Türken mit roten Mützen und weiten Pluderhosen“, „Chinesinnen“, als „Menschenfresser“, „Eskimofrauen“ und als „Hottentottenhäuptling“ verkleiden. Wenigstens die Worte „Neger“, „Türken“ und „Chinesinnen“ wird man in der künftigen Neuausgabe nicht mehr finden, die Kinder werden sich dann eben, sagt Willberg, als etwas anderes kostümieren. Als inhaltlichen Eingriff könne er das nicht werten, schließlich gehe es ja um die Fastnachtsszene als solche und nicht um die Rollen.

Warum dann die Aufregung? Zumal die Familie des Autors doch offenbar einverstanden ist?

Außergewöhnlich ist Willbergs Vorgehen nicht. Es gehört zur Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur, dass Texte gern bearbeitet, umgeschrieben, gekürzt und erweitert werden, oft genug, ohne dass sich irgendein Hinweis darauf im Buch findet. Wer etwa vor dreißig Jahren mit „Hanni und Nanni“ groß geworden ist, fand auf den Titelblättern der damals achtzehn Bände den Namen „Enid Blyton“, obwohl nur ein Drittel der Bücher von dieser Autorin stammt. Und auch die Übersetzungen wurden mit viel Phantasie auf deutsche Verhältnisse übertragen, wenn etwa im 1967 erschienenen Band „Fröhliche Tage für Hanni und Nanni“ („Fifth Formers At St. Clare’s“, 1945) plötzlich ein Gedicht von Ludwig Uhland im Unterricht behandelt wurde - vermutlich um, im Sinne Willbergs, kindlichen Lesern Dinge zu ersparen, die sie nicht auf den ersten Blick verstehen, wie etwa den Namen eines englischen Lyrikers. Inzwischen wäre da aber auch Uhland keine sichere Bank mehr.

Der Südseekönig

Wie groß im Fall von „Hanni und Nanni“ der Schaden ist, der mit diesen Eingriffen angerichtet wird, sei dahingestellt. Die Motive der Beteiligten dürften aber dieselben sein wie vom Thienemann-Verleger Willberg umrissen: Bücher werden verändert, um sie dem vermuteten Horizont der Zielgruppe anzupassen. Und, muss man ergänzen, dem der erwachsenen Käufer, die ihren Kindern Worte wie „Negerlein“ nicht zumuten wollen. Das prominenteste Beispiel für diese Sorge ist die aktuelle Ausgabe von „Pippi Langstrumpf“. Dort erklärte das stärkste Mädchen der Welt bekanntlich, seine Mutter sei „ein Engel und mein Papa ist ein Negerkönig“. Heute steht an dieser Stelle „Südseekönig“, nachdem sich die Erben der Autorin Astrid Lindgrens nach langem Weigern zu dieser Änderung bereitgefunden haben.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Türkei und Islamischer Staat Die Geisterzüge von Kobane

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat sich bis zur Türkei vorgekämpft. Unter den Kurden vor Ort wächst die Wut auf die Regierung in Ankara. Eine Reportage aus dem Grenzgebiet. Mehr Von Michael Martens, Suruc

26.09.2014, 17:09 Uhr | Politik
Noch nicht das Nonplusultra

Die Chinesen sind im Vormarsch. Smartphones wie das One Plus One sind bestens ausgestattet, günstig und gut. Die Konkurrenz müsste sich fürchten – wären da nicht diese kleinen Schwächen. Mehr

18.08.2014, 10:06 Uhr | Technik-Motor
China verurteilt Wissenschaftler Es ist wie verhext

China verurteilt Ilham Tohti zu lebenslanger Haft. Selbst an den Maßstäben der allgemeinen Willkür der chinesischen Justiz gemessen, ist das Urteil grotesk. Mehr Von Mark Siemons

23.09.2014, 23:19 Uhr | Feuilleton
Britischer Junge mit Hirntumor jetzt in Prag

Die Odyssee des kleinen, sehr kranken Ashya King geht weiter. Am Montagmittag wurde er in ein Prager Krankenhaus eingeliefert, er kam geradewegs aus Spanien. Die nächste Station auf dem Weg des Kindes und seiner Familie, deren Schicksal in den vergangenen Tagen nicht nur die Briten umtrieb. Mehr

08.09.2014, 16:25 Uhr | Gesellschaft
Anton Tschechow auf Sachalin Der Tiermensch bekam eine weiche Stimme

Im Jahr 1890 bricht der schon berühmte Dichter Anton Tschechow zur pazifischen Sträflingsinsel Sachalin auf, um das Elend und die Not der Häftlinge zu teilen. Dabei gelangen Fotos in seinen Besitz, die nun in Marbach zu sehen sind. Mehr Von Kerstin Holm

21.09.2014, 14:54 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.01.2013, 18:55 Uhr

Schnöde Müllerin

Von Andreas Rossmann

In Wuppertal soll das Theater einen neuen Auftritt haben. Aber kann es mit einer biedermeiernden Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ seine Unverzichtbarkeit demonstrieren? Mehr 1