http://www.faz.net/-gqz-6xgif

Klaus Theweleit zum Siebzigsten : Grenzen? Einfach mal überschreiten!

Kulturtheoretiker mit Hang zur Transgression: Klaus Theweleit Bild: picture-alliance/ dpa

Der linke Denker lässt nichts Deterministisches gelten und liebt die poetische Abrissbirne: Der Soziologe und Schriftsteller Klaus Theweleit wird siebzig.

          So töricht, sich auf der Suche nach Gewissheit einem System anzuvertrauen, ist Klaus Theweleit nie gewesen. Auch die Psychoanalyse, die ihn durch alle Etappen seines Schaffens anleitet, nimmt er nicht als laizistische Offenbarung, wie Freudianer dies zu tun pflegen. Er setzt die Psychoanalyse oder bisweilen auch nur ihren Sound als Abrissbirne gegen eine deterministische Architektur ein, wo immer er ihr bei seinen Kulturanalysen begegnet. Im Mix von Poststrukturalismus, Popkultur und Psychoanalyse ist der ganz eigene Theweleit-Zugriff da, und anders als der Irrwisch Zizek oder der Budenzauberer Sloterdijk ist Theweleit mit einer wohltuenden Ehrfurcht vor seinen Gegenständen begabt.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Das macht diesen Kulturwissenschaftler zu einem Phänomenologen der menschlichen Freiheit, ob er nun, wie im letzten Jahrzehnt, über Fußball als Realitätsmodell, als Tor zur Welt, über Gehirnveränderung durch Neue Medien, über Jimi Hendrix oder Bob Dylan schrieb oder noch zu Beginn seines schriftstellerischen Wirkens unter dem Titel "Objektwahl" Strategien der Paarbildung unter die Lupe nahm. Stets hört man die Frage heraus nach dem Verhältnis der Verantwortung des Einzelnen zu der von außen auf ihn einwirkenden Determination, die heute im Zeichen der Hirnforschung nicht weniger Gegenstand der Auseinandersetzung ist als zur Zeit des Tridentinischen Konzils.

          Dispositionen zur Gewalt

          Die Polemik, die Harald Welzer unlängst gegen Theweleit vom Zaun brach, verfehlt genau die antideterministische Stoßrichtung, wie sie sich schon in den "Männerphantasien" zeigte, in jenem aus der Freikorpsliteratur gewonnenen Epos über den faschistischen Mann, mit dem Theweleit vor Jahrzehnten schlagartig bekannt wurde. Theweleit schwadroniere an der modernen Täterforschung vorbei, so Welzer; von der Empirie der Gewalt im zwanzigsten Jahrhundert wüssten wir doch vor allem eins: dass es zu ihrer Ausübung gerade keiner persönlichen Disposition, keiner Charakterstruktur bedürfe.

          Das ändert freilich nichts daran, dass es charakterliche Dispositionen gibt, die eher in den Sog von Täterschaften geraten als andere, und ebendies wollten Theweleits vom Phantasma der Unterwerfung zehrende "Männerphantasien" illustrieren, ohne abschließende Kausalitäten herzustellen.

          Die Zähmung des Unbewussten

          Der im ostpreußischen Ebenrode als Sohn eines Eisenbahnbeamten geborene Theweleit wuchs nach der Flucht aus seiner Heimat in Schleswig-Holstein auf. Er lehrte am Institut für Soziologie in Freiburg, bevor er 1998 Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe wurde. Nicht die olle Kamelle der Subversivität packt Theweleit mit seinem Psychopop aus, sondern den Gedanken der Überschreitung gegebener und fälschlich für unabänderlich gehaltener Verhältnisse. In einem seiner zahlreichen "taz"-Interviews zu Fragen der Zeit, die selbst schon eine literarische Theweleit-Gattung begründen, führt er aus: "Ersetzen wir subversiv durch Transgression, Überschreitung. Bei Freud ist es die Urüberschreitung dessen, was das europäische Subjekt sich an Rationalität und Aufgeklärtheit erkämpft zu haben glaubte. Die Urüberschreitung Freuds besteht in der Entdeckung, dass die Steuerung vom Unbewussten ausgeht und Zustände wie gesteigerte Lust, Trance, Rauscherfahrungen sich der bewussten Steuerung entziehen."

          Dass sich, als Steuerungsmechanismus erkannt, auch solchen unbewussten Lenkungen gegenüber eine bewusste Stellungnahme abgeben lässt - dass, mit anderen Worten, sich der Mensch zu seinem Unbewussten bewusst verhalten kann, ist eine von Theweleits fruchtbar ausgekosteten Pointen, mit der er sich als linker Poet partout nicht um die Früchte der Aufklärung bringen lassen möchte. Am 7. Februar wird Klaus Theweleit siebzig Jahre alt. 

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wunderkind : Der Überflieger in Berlins Start-up-Szene

          Abitur mit 12, Studium mit 15, dazu zwei Doktortitel: Der Georgier Tamaz Georgadze ist ein Ausnahmetalent – und sammelt Milliarden von deutschen Sparern ein.
          Karamba Diaby mit seinem Wahlkampfplakat in Halle

          Interview mit Karamba Diaby : „Ostbashing kann ich nicht nachvollziehen“

          Im neuen deutschen Bundestag sitzt genau ein schwarzer Parlamentarier, und der kommt ausgerechnet aus dem ostdeutschen Halle. Im Gespräch mit FAZ.NET erklärt Karamba Diaby (SPD), was die Westdeutschen am Osten nicht so recht verstehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.