Klaus Harpprecht, der am 11. April 1927 in Stuttgart geboren wurde, könnte seine Zeit damit verbringen, als Zeitzeuge durch die Lande zu reisen und von früher zu erzählen, doch er ist ganz und gar Zeitgenosse, und in seinem Fall muss man den Begriff nicht nur in der Verwandtschaft mit der Genossenschaft der Sterblichen verstehen, sondern auch mit dem Genuss der gegenwärtigen Zeit. Die Begegnung mit Harpprecht erzeugt eine ganz eigene Form von Gegenwart. Der stets elegante Herr könnte aus einem Filmklassiker herausspaziert sein, aber seine präzisen Fragen verraten ein intensives Studium der Tagesaktualität, und man kann sich glücklich schätzen, wenn man auch nur auf einige seiner Fragen etwas zu sagen weiß. Dann wieder mag er Jack Kennedy erwähnen oder natürlich Willy Brandt, als sei er eben erst mit ihnen im Gespräch gewesen. Oder er schildert eine Begebenheit aus seinem idealen - dem achtzehnten - Jahrhundert, als das Glück wie die Freiheit ein neuer Gedanke waren in Europa.
Zu Harpprechts großen historiographischen Verdiensten gehört es, gegen die Erbfeindlegende die Begeisterung deutscher Zeitgenossen für die Ideale der Französischen Revolution ernst genommen zu haben, ihre Geschichte einem breiten Publikum zugänglich gemacht zu haben. Wie er darin überhaupt eine selten erwähnte Stärke hat: Harpprecht hat nicht nur ein untrügliches Gespür für intellektuelle und historische Themen, er versteht es auch, sie so zu bearbeiten, dass bildungsnahe und bildungsferne Menschen gleichzeitig von seinen Texten angezogen werden. Das schaffen in dieser Virtuosität außer ihm nur Helmut Schmidt und Marcel Reich-Ranicki. Nicht nur langweilt man sich nie in seinen Büchern und Artikeln - man hat anschließend auch immer etwas zu erzählen: eine Szene, ein Argument, ein Zitat. So hatte man das noch nicht gelesen, gedacht oder für möglich gehalten - das ist das Versprechen, mit dem Harpprechts Texte daherkommen, und es ist waghalsig für den Autor: Klaus Harpprecht ist ein Schreiber, der mehr von sich verlangt als von den Lesern. Deren narzisstische Zufuhr nach erfolgreicher Lektüre beruht auf einer notwendigerweise verborgenen harten Arbeit. Sie besteht in der intellektuellen Verarbeitung und Verdichtung kompliziertester Themen und ihrer Aufarbeitung in einem ambitionierten, aber nie prätentiösen Deutsch. Niemand muss Oberseminare besuchen oder ein Spezialwörterbuch konsultieren, um Harpprecht lesen zu können. Seine Ansichten sind stark und klar, sie werden nicht in Jargon verborgen oder hinter fünfzig Fußnoten versteckt, jedem steht es frei, sie abzulehnen.
Im Clubbereich ganz oben
Denn es ist die Freiheit, die das zentrale Thema seines Denkens und seines Lebens ist. Klaus Harpprecht ist ein Liberaler des Geistes und der Kultur, einer, der sich schon früh nach Westen wandte, wo die Sonne der Freiheit ihren Lauf nimmt und noch spät zu sehen ist. Mit seinen noch heute berühmten Filmen und Artikeln aus Amerika und Frankreich machte er aus jener Westbindung, die heute so selbstverständlich in unseren Geschichtsbüchern steht, ein persönliches Anliegen, ein Abenteuer und ein literarisches Vergnügen.
Seit Jahrzehnten ist der optisch idyllische, politisch komplizierte Süden Frankreichs seine Heimat, aber er hat von dort auch Hamburg, insbesondere den Presse-Planeten Speersort, die Vereinigten Staaten sowie den ganzen Rest im Blick. Und Frankfurt, wo diese Zeitung erscheint, ohnehin. Wenn die Völker der Bücher im Herbst hierher zur Messe pilgern, hat sich Harpprecht längst auf einer herausgehobenen Warte positioniert, ganz weit oben im Clubbereich des Interconti. Und er empfängt dann und besucht und redet ohne Unterlass.
Die Skepsis gegenüber Ideologien
Einmal entwickelte er im Gespräch eine Buchidee, die er mir zur Realisierung vorschlug, schön war sie und unbedingt lohnend, stellte aber ein Arbeitsprogramm für mehrere Jahre dar, so schien es mir jedenfalls, und ich verfolgte es darum nicht weiter. Ihm sind solche Überlegungen fremd, denn sein Arbeitspensum und seine Kraft - um nicht zu sagen seine Power - sind unvergleichlich. Die zweieinhalbtausend Seiten Thomas-Mann-Biographie bilden eine Spitze in einem schwindelerregenden Werksgebirge. Und es unterläuft ihm kein Flop, stattdessen fliegen ihn die Posten und Titel nur so an. Wo heutige Journalisten schon mal über sechs Wochen ohne Internet ein Buch schreiben oder eine mehrwöchige Tour durch Afrika zu Buch und Film verarbeiten, sitzt Harpprecht auf einem Schatz von Material. Erfahrungen, die andere Kollegen ihr Leben lang so prägen, dass sie sich noch Jahre später immer nur als ehemaliger Chef von X oder Leiter von Y verstehen und bezeichnen, hat er viele gesammelt - und ist doch stets weitergezogen.
Er hat die persönliche Freiheit der Zugehörigkeit zu einem Konzern, einem Haus oder einer Partei vorgezogen, ohne an Ansehen oder Aufmerksamkeit einzubüßen, im Gegenteil. Man sagt nie: „In jener Zeitung schreibt ...“ ein Herr Harpprecht dieses oder jenes, stets wird der Satz umgekehrt lauten: „Harpprecht schreibt ...“ - und wo, ja, das ist dann eine beinah zweitrangige Information. Was er schreibt, folgt stets den großen, beeindruckenden Magistralen seines Werks: der Liebe zur Freiheit, der Skepsis gegenüber Ideologien, der Begeisterung für die Musik und die europäische Idee.
Er ist stolz auf seinen süddeutschen Akzent
In Harpprechts Europa geht es nicht um den Binnenmarkt und das Geld, seine Eurobonds zieht er auf die Geschichte, das erfreuliche Resultat eines bitteren und langen historischen Prozesses, in dem die Freiheit erst ganz zuletzt und mit amerikanischer Hilfe siegte. Er ist das so seltene Exemplar eines Linksliberalen, der die Mühen der politischen und intellektuellen Arbeit nicht mit denen eines Sisyphos vergleichen möchte, der im Gegenteil darauf verweist, welche Brocken die Menschheit schon gemeinsam bewegt hat, was sie mit ihnen schaffen konnte. Das gemeinsame Haus Europa zählt dazu, in seiner Kindheit und Jugend war es ein wüstes Feld der Nachbarschaftskriege. Diktaturen sind auf dem Rückzug, und die Kultur ist ein hohes und geschätztes Gut.
Er ist dabei nicht tumb vor Zufriedenheit, sondern wach in alle Richtungen: in der Freude über das Erkämpfte wie in der Analyse dessen, was noch schiefgehen könnte. Wichtig und selten aber ist: Die Kenntnis der Risiken und die Analyse der Gefahren führt bei Harpprecht nie zu einem existentiellen Verzagen oder zu einem Rückzug in die nebligen Wälder des deutschen Verdrusses. Die ganze Welt hat er bereist, pflegt Freundschaften in alle Himmelsrichtungen, aber er hat sich nicht die affektierte Art des blasierten Globetrotters angeeignet, mit Stolz pflegt er seinen süddeutschen Akzent, weil das zu seinem großen Projekt dazugehört: zu zeigen, dass man als Deutscher weltoffen und freiheitsliebend sein kann, dass man Kultur und Zivilisation schätzen kann, dass man nicht zu wählen braucht zwischen der kleinen lyrischen Beobachtung und dem großen politischen Entwurf: In seinem Buch über das Dorfleben in der Provence hat er es bewiesen.
Harpprecht ist das Exempel für eine uneitle und eigensinnige Lebensführung, die nie spießig wird, für eine Lebensfreude, die auch ein Gestern und ein Morgen kennt, und für eine Gelehrsamkeit, die ihr Publikum kennt und mag. Viel kann man von ihm lernen und zuerst dies: fleißig zu sein, aber nicht streberhaft; kritisch, aber nicht unangenehm - und unter keinen Umständen langweilig.
Der freie Mann in seinem Element
Marie Erlwein (bandareanz)
- 11.04.2012, 11:56 Uhr