Home
http://www.faz.net/-gqz-72bfy
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Klaus gibt Havel Schuld an Teilung Slowakotschechien

 ·  Der tschechische Präsident Václav Klaus lobt seinen slowakischen Widerpart Vladimír Mečiar. Für die Teilung der beiden Länder macht er den verstorbenen Václav Havel verantwortlich.

Artikel Lesermeinungen (1)

Wie kommt man aus einer Wirtschafts- und Währungsunion mit heiler Haut wieder heraus? Die Frage, die Millionen von Europäern den Schlaf raubt, bewegte vor genau zwanzig Jahren die Bürger der Tschechoslowakei nicht sonderlich. Dass sich die beiden Völker verwandter Sprache und gemeinsamer Historie schlagartig trennen würden, wussten im Spätsommer 1992 nur die beiden mächtigsten Politiker, die dann am 26. August mit der Nachricht der einvernehmlichen Scheidung alle überrumpelten. Aus beiden Männern ist Unterschiedliches geworden.

Plattenbauten und Balkanisierung

Während Vladimir Mečiar in den neunziger Jahren als autoritärer Ministerpräsident seine junge Nation lange im Griff behielt, bei den letzten Wahlen im März aber nicht einmal ein Stimmenprozent abbekam, amtiert sein Widerpart Václav Klaus immer noch als Präsident der tschechischen Republik - in letzter Zeit noch selbstgewisser, hat er doch die Europakrise lange vorhergesehen. Klaus meldet sich nun mit Lob für Mečiar zu Wort. Nur durch eine eigenständige Slowakei habe das Land Gewicht in der Welt. Dabei gab es zu keiner Zeit eine Umfragemehrheit für die samtene Scheidung, und auch heute wünschen sich Tschechen und Slowaken nur das beste, drücken den Fußball- und Eishockeyteams des Bruderlandes stets die Daumen, haben nichts gegen einander. Warum es 1992 zum Jahresschluss dennoch unbedingt eine Trennung geben musste, dafür hat Klaus heute eine hinterlistige Erklärung. Nicht er sei dafür verantwortlich, obwohl in den Geschichtsbüchern der rabiate Wille des Reformers nach Privatisierungen als Hauptgrund genannt wird. Und sogar der autoritäre Nationalist Mečiar, sagt Klaus, habe in der Slowakei zu den Gemäßigten gehört. Beteiligte wie der damalige Präsident des tschechischen Landesteils, Petr Pithart, sehen das als Geschichtsklitterung. Klaus und Mečiar hätten für ihren Machthunger bewusst die Gefahr einer Balkanisierung Mitteleuropas in Kauf genommen.

Doch nun nennt Klaus seinen eigenen Überraschungskandidaten für den Coup: Es sei der ungeschickte Staatspräsident Václav Havel gewesen, der in Bratislava die Menschen mit abschätzigen Bemerkungen über Plattenbauten und Provinzialismus verschreckt habe. Havel ist tot, er kann sich nicht mehr wehren, doch zeugt das bewegende Totengedenken für den Prager Freiheitshelden auch in der Slowakei von einer ganz anderen Wahrnehmung. Was immer auch für die Entscheidung am 26. August 1992 den Ausschlag gab - das Volk wurde eh nicht gefragt. Und Geschichte wird von den Siegern geschrieben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

Jüngste Beiträge

Freitod-Fashion

Von Fridtjof Küchemann

Ein Model kniet vor dem Gasherd, eines steht mit einem Stein im Arm im Fluss: Für eine Modestrecke ließ das amerikanische Magazin „Vice“ den Freitod bekannter Autorinnen nachstellen. Was als Kunst gemeint sein soll, verrät die Kunst. Mehr 2