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Veröffentlicht: 05.06.2016, 09:34 Uhr

Verbrechen klassischer Musiker Auch böse Menschen haben Lieder

Wem beim Thema klassische Musik und Verbrechen immer nur David Garrett einfällt, der muss vielleicht umdenken: In letzter Zeit häufen sich Nachrichten, in denen klassische Musiker mit Kriminalfällen in Verbindung gebracht werden.

von
© Imago Kein echter Fall: Das Bild zeigt den Schauspieler Rainer Brandt in dem Kriminalfilm „Die rote Hand“ (1960).

Sie alle haben natürlich davon gehört, dass ein deutscher Geiger in Amerika des versuchten Mordes beschuldigt wird, deshalb hier nur noch mal die allernötigsten Fakten. Im März vergangenen Jahres war Stefan Arzberger, 43, mit dem Leipziger Streichquartett, dessen Erster Geiger er damals noch war, auf Konzertreise in New York. Die Sicherheitskameras des „Hudson Hotels“ zeichneten auf, wie er in den frühen Morgenstunden des 27. März in Begleitung einer Frau auf sein Zimmer ging.

Die Frau war weder seine eigene noch streng genommen überhaupt eine Frau, sondern eine polizeibekannte transsexuelle Prostituierte. Die Kameras zeichneten weiter auf, wie diese Prostituierte, sie nennt sich „Melissa“, vierzig Minuten später Arzbergers Zimmer mit dessen iPad unterm Arm wieder verließ. Etwa weitere drei Stunden später zeichneten die Kameras auf, wie Arzberger, nackt, über den Hotelflur irrte und an mehrere Zimmertüren klopfte.

Als die 64-jährige Pamela Robinson aus Asheville, North Carolina, öffnete, umklammerte er mit beiden Händen ihren Hals und würgte sie, als wolle er sie umbringen, so schildert es jedenfalls die Frau. Schnell war jedoch ein Sicherheitsbeamter des Hotels zur Stelle und befreite sie.

Arzbergers Version der Geschichte beginnt kurze Zeit später, als er in Handschellen in seinem Hotelbett zu sich kommt. Er nimmt an, dass ihm die Prostituierte, die ihm übrigens auch Bargeld und Kreditkarten stahl, was ja schon mal enorm gegen sie spricht, K.-o.-Tropfen verabreicht hat, und kann sich, wie er sagt, an nichts erinnern.

Seit 15 Monaten sitzt er jetzt, auf Kaution frei, in New York fest, darf nicht arbeiten und nicht ausreisen. Ob es zu einem Prozess kommt, steht noch nicht fest – die nächste Gerichtsanhörung ist am Dienstag.

K.o.-Tropfen für einen Geiger

Der Erste Geiger eines Streichquartetts im selben Satz mit einer transsexuellen Prostituierten, mit K.-o.-Tropfen, mit versuchtem Mord – klingt, als habe man sich verhört. Schlafen Geiger nicht nachts, um sich am nächsten Morgen nach einem gesunden Frühstück ausgeruht an einen neuen Fingersatz für die Sauret-Kadenz zum 1. Paganini-Konzert zu machen?

Ähnlich falsch will es klingen, was aus der Münchner Musikhochschule zu hören ist. Es scheint nur leider gar nicht falsch zu sein. Jedenfalls wurde ein ehemaliger Rektor, der Pianist Siegfried Mauser, inzwischen Leiter des Salzburger Mozarteums (als solcher allerdings derzeit beurlaubt), wegen sexueller Nötigung verurteilt.

Er soll eine Professorin während einer dienstlichen Unterredung geküsst und genötigt haben, ihn am Genitalbereich anzufassen. Ein Schöffengericht sah es als erwiesen an, dass er ein, Zitat, „Grapscher“ sei. „Möglicherweise fühlen Sie sich sexuell so attraktiv wie James Bond. Da überschätzen Sie sich aber in Ihrer Wirkung“, teilte der Richter dem 61-Jährigen mit, der ein Jahr und drei Monate auf Bewährung bekam und eine Geldstrafe von 25000 Euro. Mauser selbst fühlt sich als „Opfer“, seine Verteidiger wollen in Berufung gehen.

Und jetzt wurde noch ein weiterer Fall bekannt, der ebenfalls an der Münchner Musikhochschule spielt: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen ehemaligen Professor für Komposition, eine Frau hat ihn angezeigt, es geht, überhaupt nicht lustig, um mehrfache Vergewaltigung.

Wenn klassische Musiker eine Straftat begehen oder im Verdacht stehen, eine begangen zu haben, wird in den Zeitungen ihr Beruf oft gleich in der Schlagzeile genannt. „Der bizarre Fall des nackten Geigers“ etwa war eine typische Titelzeile im Fall Stefan Arzbergers, oder „Geiger unter Verdacht“, dabei tut sein Beruf ja nichts zum Sachverhalt.

Kannibale mit Klarinette

Auch im Fall des 2014 gestorbenen, aber jetzt erst überführten Serienmörders aus Hessen, über den gerade überall zu lesen war, wird stets erwähnt, dass er Klarinette spielte. „Der Serien-Killer mit der Klarinette“ wurde getitelt, oder „Kannibale mit Klarinette“, als sage das irgendetwas über ihn aus. Dabei spielte er nur in seiner Freizeit (und zwar: Jazz), sein Beruf war Entrümpler.

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