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Klassentrennung Alles egal bei der Bahn

20.12.2007 ·  Die Klassengesellschaft existiert noch, jedenfalls in der Bahn: Passagiere der zweiten Klasse sollen nicht mehr die Ausgänge der ersten Klasse benutzen dürfen. Die Trennung ist konsequent - bedenkt man, wie es in der zweiten Klasse zugeht.

Von Tilmann Lahme
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Die Klassengesellschaft existiert noch, jedenfalls in der Bahn. Hier trennt das Bordrestaurant sorgsam die Erste von der Zweiten Klasse. Doch die egalitäre Gesellschaft drängt in die Welt der Ledersitze. Jedenfalls beim Aussteigen: In Kopfbahnhöfen wie Frankfurt, München oder Leipzig, in denen Züge mit der Ersten Klasse voraus einfahren, Reisende der Zweiten Klasse aber den Vorsprung der privilegierten Passagiere nicht hinnehmen wollen, schiebt sich regelmäßig ein Rudel von Rollkofferziehern nach vorne durch die bessere Gesellschaft - zu deren Ärger.

Die Bahn schreitet nun ein. Und dies, obwohl ihr sonst so ziemlich alles egal ist, was an Bord ihrer Züge passiert, von Sitzbelegungen mit Mänteln und Koffern bis hin zu lautesten Telefonaten. In diesem Fall aber mahnt die Bahn seit kurzem mit der Ansage: „Mit Rücksicht auf die Gäste der Ersten Klasse bitten wir Passagiere der Zweiten Klasse, nur die Ausgänge in der Zweiten Klasse zu benutzen.“ Klassentrennung also, wenngleich einseitig. Denn der Durchgang ist semipermeabel: Zwar werden selbst bei berstender Überladung die Zweite-Klasse-Passagiere aus den Gängen der Ersten Klasse verscheucht, doch niemand erhebt Protest, wenn ein Erstklässler mal nachsieht, wie es beim Volk so zugeht. Nicht so sehr erfreulich, um das mindeste zu sagen, und je voller, desto doller.

Verweis für die Mutter

Eindrücke aus täglicher Bahnfahrt der vergangenen Wochen: Eine Geschäftsfrau beschwert sich beim Zugbegleiter in einem zu zwei Dritteln besetzten Zug, die Bahncomfortplätze seien wieder einmal unberechtigt belegt - sie weist auf eine Mutter mit kleinem Kind, die sie der Plätze verwiesen sehen will. Ein junger Mann reißt ein altes, nebeneinander sitzendes Ehepaar mit Hinweis auf seine Reservierung auseinander, den freien Sitz eine Reihe weiter will er nicht einnehmen, „aus Prinzip“.

Das Gerangel um die wenigen nichtreservierten Plätze, das mit dem Einsatz aller Mittel bereits am Bahnsteig beginnt, erreicht seinen Höhepunkt mit einem Mann, der einen Zugbegleiter beim Versuch, die Hebebühne für eine Rollstuhlfahrerin in Position zu bringen, zur Seite drängelt. Der Bahn scheint's egal. Oder ist sie der Wächter in einem soziologischen Experiment, an dem wir alle teilnehmen? Dann wäre auch das klar: Solange wir Volksfahrer uns so benehmen, gilt in Bezug auf die Erste Klasse wörtlich Exklusivität: Wir müssen leider draußenbleiben.

Quelle: F.A.Z., 20.12.2007, Nr. 296 / Seite 33
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