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Sexsklavinnen in Japan : „Trostfrauen“ erschüttern den schlechten Ruf

Wir werden nicht stumm bleiben: Eine ehemalige „Trostfrau“ und Unterstützer demonstrieren gegen Japans zunehmende Unfähigkeit, sich der Vergangenheit zu stellen Bild: AP

Zehntausende Mädchen und Frauen wurden in Japan während des Zweiten Weltkriegs zu Sexsklavinnen gemacht. Nationalistische Kräfte nutzen nun den Fehler einer Zeitung aus, um die Geschichte umzudeuten.

          Mehr als 8700 Japaner haben am Montag vor dem Distriktgericht Tokio eine Klage gegen die liberale Tageszeitung „Asahi“ eingereicht. Ihr Vorwurf: Das Blatt habe mit seinen Berichten über die Verantwortung Japans für die sogenannten „Trostfrauen“ - dabei handelt es sich um Frauen, größtenteils Koreanerinnen, die in den Frontbordellen der japanischen Armee zur Prostitution gezwungen wurden - Unwahrheiten in der Welt verbreitet. Hintergrund ist eine Entschuldigung der Zeitung für eine Serie von Artikeln in den achtziger und neunziger Jahren, die sich unter anderem auf einen Augenzeugen namens Seiji Yoshida bezogen. Yoshida wurde später als Lügner entlarvt. Dass unter japanischer Herrschaft trotz des falschen Zeugnisses von Yoshida Zehntausende Frauen und Mädchen zu Sexsklavinnen gemacht wurden, hat die Zeitung - zu Recht - nicht dementiert. Die Kläger rügen auch das: Die Zeitung habe keine Anstrengung unternommen, die Ehre Japans in der internationalen Gemeinschaft wiederherzustellen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          In der Geschichtswissenschaft außerhalb Japans ist die Tatsache, dass die Japaner im Zweiten Weltkrieg bis zu 200 000 Frauen und Mädchen zu Sexsklavinnen machten, unbestritten. Auch die japanische Regierung bekennt sich - zumindest auf dem internationalen Parkett - noch immer zu einer von Japan in den neunziger Jahren abgegebenen Erklärung zu der Verantwortung für diese Unrechtstaten. Innenpolitisch hat Japans Regierungschef Shinzo Abe die Entschuldigung der „Asahi“ im letzten Herbst allerdings genutzt, seinen nationalistischen Kurs und den sich immer aggressiver gebärdenden Geschichtsrevisionismus japanischer Nationalisten zu stärken. Das Blatt habe Japans Ansehen „schwer geschadet“ und müsse „seine Ehre“ wiederherstellen, sagte Abe im Parlament. Auch Japans Außenministerium wendet sich offen gegen ausländische Korrespondenten, die kritisch über Abes Position zu diesem Thema und über die aggressive nationalistische Rhetorik berichten. Dazu passt jetzt die Klage in Tokio: Es gebe keinen Beweis, dass offizielle japanische Stellen Frauen mit Gewalt zur Prostitution gezwungen hätten, sagen die Kläger. „Asahi“ habe den Ruf Japans in der Welt beschmutzt. Jeder Kläger fordert von der Zeitung nun 10 000 Yen (rund 80 Euro) Schadenersatz. Dass in der internationalen Berichterstattung nicht die „Asahi“ kritisiert wird, weil sie einen Fehler einräumte, sondern der ungenierte Versuch Abes, Japan von seiner Verantwortung für die im Krieg begangenen Greueltaten weißzuwaschen, erwähnen japanische Medien kaum.

          Erhöhter Druck auf die Presse

          „Erfolgreiches Agendasetting“ habe Japans Regierungschef betrieben, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Kaori Hayashi von der Tokio-Universität. Sie hat die Berichterstattung in vielen ausländischen Medien über den „Asahi-Skandal“ als Mitglied einer von der „Asahi“ eingesetzten Kommission analysiert. Nicht einmal sei ein Vorwurf gegen die „Asahi“ erhoben worden. Ausnahmslos hätten die ausländischen Medien dagegen den Versuch Abes kritisiert, auf Kosten der liberalen Zeitung seine nationalistische Agenda durchzusetzen. Der Regierungschef habe den Fehler des Blattes genutzt, die Tatsache der Zwangsprostitution ganz zu leugnen - obwohl ein überführter Lügner nicht die gesamte unabhängige wissenschaftliche Forschung in Frage stellt. Zudem liegt der Vorgang mehr als zwanzig Jahre zurück. Yoshida war schon in den neunziger Jahren als Hochstapler bekannt. „Asahis“ Entschuldigung spielte für die historische Bewertung der Zwangsprostitution außerhalb Japans daher keine Rolle.

          Wie diese Zeitung erfuhr, hat die Regierung in Tokio schon vor der Entschuldigung massiv Druck auf die „Asahi“ ausgeübt und sie mit zu der Entschuldigung genötigt. Die Klage in Tokio ist ein weiterer Schritt, liberale Stimmen in Japan zu ersticken. Abe und die ihm verbundenen nationalistischen Kreise haben den Druck auf die Spitze der „Asahi“ - das Blatt war nach seinem Amtsantritt im Dezember 2012 eine der einflussreichsten oppositionellen Stimmen im Land - so erhöht, dass sich viele Journalisten der Zeitung in ihrer Meinungsfreiheit beschnitten sehen.

          Angela Merkel muss Premierminister Abe abmahnen

          Die japanische Agentur Kyodo berichtete, es werde erwartet, dass sich bis zu 13 000 Menschen der Klage anschlössen. Es seien die Artikel der „Asahi“ gewesen, die international die Ansicht verbreitet hätten, Japan trage Verantwortung für die Sexsklavinnen. Die national-konservative Zeitung „Yomiuri“ entschuldigte sich bei ihren Lesern dafür, dass sie in ihrer Berichterstattung den Begriff Sexsklavin verwendet habe. Für Japans Nationalisten waren Koreanerinnen, die als Teenager zur Prostitution gezwungen wurden, nichts weiter als gewöhnliche Prostituierte.

          Dass Hayashis Analyse zeigt, dass nicht die „Asahi“, sondern der Geschichtsrevisionismus Japans Image befleckt, ficht die Kläger nicht an. Allein dass sich Tausende unter Anleitung des emeritierten Professors Shoichi Watanabe von der christlichen Sophia-Universität der Klage anschließen, zeigt, wie aggressiv die nationalistische Klientel ist. Regierungschef Abe hat angekündigt, er werde zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs eine Neubewertung der Geschichte vornehmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel will Japan im März besuchen. Sie sollte Abe zum Umgang mit der Geschichte ein paar deutliche Worte sagen.

          Quelle: F.A.Z.

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