Home
http://www.faz.net/-gqz-16jdx
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kissinger-Preis Reich, aber sexy

14.05.2010 ·  Bürgermeister sein, heißt Entscheidungen zu treffen: Dass er das kann, hat der Milliardär Michael Bloomberg, der für einen Dollar in New York das Bürgermeisteramt versieht, bewiesen. In Berlin wurde er jetzt transatlantisch geehrt.

Von Claudius Seidl
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Es war ein kalter Abend in Berlin, vom Wannsee wehte es feucht herauf in das Zelt im Garten der American Academy, und den Gästen, die eher festlich als winterlich gekleidet waren, blieb nichts anderes übrig, als sich an den vielen schönen Worten zu wärmen, am Lob für jenen Mann, den sie zu Hause Mayor Mike nennen, an der sehnsuchtsvollen Schwärmerei für New York, seine Stadt - und einer saß im Publikum, der belächelte jeden Gag, freute sich, dass auch er erwähnt und angesprochen wurde. Und wurde offensichtlich doch nicht warm mit dem Abend und seinem Stargast. Es war der Mann, den sie zu Hause Wowi nennen.

Michael Bloomberg, der, für ein Jahresgehalt von einem Dollar, der Bürgermeister von New York ist und nebenher Milliardär, Entrepreneur und Menschenfreund, wurde mit dem „Henry A. Kissinger Prize“ für die Förderung der transatlantischen Beziehungen geehrt - und nachdem Karl von der Heyden im Namen der Academy und Henry Kissinger im Namen Henry Kissingers den Star und die Gäste begrüßt hatten, sprang Bloomberg auf, stellte sich, obwohl das im Protokoll nicht vorgesehen war, ans Rednerpult und sprach vom Vergnügen, Bürgermeister zu sein: Herr Wowereit (der Name, mit englischem Akzent ausgesprochen, klingt schwungvoll, wie: take a Wow'r'Ride to Berlin) wisse sicher, was er meine, wenn er, Bloomberg, hier bekenne, dass er kein höheres politisches Amt anstrebe. Weiter oben gehe es nur um die Suche nach Kompromissen: „Being a mayor is about making decisions!“

Man muss den Abfall wegbringen

Entweder räume man den Müll weg, oder man lasse ihn liegen. Entweder man stelle genügend Krankenwagen bereit. Oder eben nicht. Was sich in europäischen Ohren nach dem Herumkurieren an Symptomen anhört, nach angelsächsischer Oberflächlichkeit, war genau die Methode, die funktioniert hat bei der Wiederbelebung New Yorks: Man muss den Abfall wegbringen, zerbrochene Fensterscheiben ersetzen, Schmierereien abwaschen und gelegentlich einen Polizisten vorbeischicken, wenn man die Verwahrlosung, die einst furchterregend war, bekämpfen will.

Es war, in den Preisreden Richard von Weizsäckers und Stefan von Holtzbrincks, vom visionären Unternehmer Michael Bloomberg die Rede (sein Informationsdienst hat die Kommunikation auf den Finanzmärkten auf ein schwindelerregendes Tempo beschleunigt), vom pragmatischen Bildungs- und Sozialpolitiker - und immer wieder wurden die Korrespondenzen zwischen den beiden großen Städten New York und Berlin beschworen. Als aber Bloomberg, in seiner Rolle als Bürgermeister, sich den Scherz erlaubte, dass er, wenn er nur Deutsch könnte, gern den Mayor Wowereit herausfordern würde bei der nächsten Wahl, da machte er, gleichsam im Vorübergehen, halt auch deutlich, dass es die Differenzen sind, die zählen. New York, das musste dem Berliner Publikum mal wieder gesagt werden, ist reich, aber sexier.

Man macht einander keine Vorschriften!

Nach der Zeremonie moderierte Josef Joffe eine Talkshow. Auf Joffes Frage, was denn, angesichts der Entwicklungen in Ostasien und Südamerika, Amerikaner und Europäer noch verbinde, war Bloomberg nicht gefasst. Er suchte nach Antworten, fand, tastend, Mode, Kunst, Lebensstil, sagte: Wir haben eine gemeinsame Kultur. Was der Kern dieser Kultur sei, beschrieb er, als er, fast ein wenig empört, erklärte: Ein Verbot der Burka, das verstehe er nicht! In seiner Stadt lebe man auf engem Raum zusammen und mache einander keine Vorschriften. Das sei die Voraussetzung, damit fange alles an.

Die Leute klatschten; das wärmte jedenfalls die Hände.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7 13