28.09.2004 · Vierundzwanzig Regionalzeitungen bringt die katholische Kirche heraus, denen es allesamt schlecht geht. Nun soll versucht werden, sie zu einer Kirchenzeitung fürs ganze Land zu vereinen.
Von Adolf TheobaldSie schreiben alle über dasselbe: über Gott und die Welt. Und fast allen geht es gleich schlecht. Die vierundzwanzig Bistumszeitungen sind ein ehrwürdiger, traditionsreicher Zweig der deutschen Presse, darunter so manch hundertjähriges Blatt. Fast ebenso lange überlegt der deutsche Episkopat, aus den vierundzwanzig nur ein einziges zu machen. Ohne Erfolg.
Aber im Jahre des Herrn 2004 kommt die Causa in Bewegung. Den sieben bereits redaktionell vereinigten Kirchenzeitungen in Norddeutschland, der Nord-Ostdeutschen Verlagsgesellschaft für katholische Medien (NOV), schließen sich vier weitere an unter dem richtungweisenden Namen "Verlagsgruppe Bistumspresse". In ihr sind dann ein gutes Drittel der Kirchenzeitungen vereint. Das nächste Drittel ist willkommen.
Trend nach unten
Es ist hohe Zeit für die Kirchenzeitungen, sich zu finden. Ihre Situation ist, um nicht drastisch zu werden, bescheiden. Vor zehn Jahren hatten die Blätter noch eine Gesamtauflage von 1,35 Millionen Exemplaren, heute sind es nur noch 913.000, mit verläßlichem Trend nach unten: Die Bistumspresse verliert jährlich vier Prozent an Auflage. Da tröstet es wenig, daß dies bei den evangelischen Blättern noch schneller geht. Hier beträgt die Fallgeschwindigkeit sechs auf hundert bei 700.000 Exemplaren Gesamtauflage.
Daß allenthalben die Presse schwächelt, ist bekannt. Die regionalen Tageszeitungen verlieren jährlich zwei Prozent an Auflage, die Zeitschriften 1,5 Prozent. Während aber die säkulare Presse noch Raum für Rationalisierung zu haben scheint, geht der sakralen Presse allmählich die Luft aus. Schon immer von bescheidener finanzieller Ausstattung, haben die Bistumszeitungen bereits frühzeitig begonnen zu sparen und konnten trotz sinkender Auflagen ihre Objektergebnisse in den letzten sieben Jahren um vierzig Prozent verbessern. Aber jetzt gibt es kaum Spielraum. Und weniger Kirchensteuer bedeutet weniger Subvention. Über drei Millionen Euro lassen sich die deutschen Bischöfe jährlich ihre Bistumspresse kosten. Das Grummeln von unten, von den Laien, nimmt zu. Soll man dieses Geld nicht lieber in Kindergärten, in soziale Einrichtungen stecken?
Erschöpfter Lesermarkt
Der Lesermarkt für die Bischofspresse scheint erschöpft. Unter den 26,5 Millionen deutschen Katholiken kann man nur vier Millionen aktive Katholiken zur Zielgruppe rechnen. Doch auch deren Zahl sinkt. Und den Kirchenzeitungen geht es da wie den Elternmagazinen, deren Auflagen ähnlich wie die Geburtenrate verlaufen. Noch ein Vergleich, das Schicksal der Partei- oder der Gewerkschaftspresse: je weniger Mitglieder, um so weniger Leser.
Doch vielleicht liegt der Niedergang der religiös orientierten Presse auch an ihrer journalistischen Qualität, an mangelnder Professionalität, zuwenig Objektivität. Noch vor etlichen Jahren hätte man das bejahen können. Die einzelnen Bistumszeitungen waren die Prawdas der einzelnen Ordinariate, die Hausorgane geltungsfroher Bischöfe: die Texte frömmelnd und schwülstig, die Optik voller Talare, die Themen ohne Ecken und Kanten. Das hat sich geändert. Die Redakteure sind keine verhinderten Kleriker mehr, sondern gut ausgebildete Journalisten, die ihr Handwerk verstehen. Der gedruckte Predigtstil ist aus den Texten verschwunden, die Erkenntnis, daß sich das gesprochene Wort nicht immer zum Abdruck eignet, gestiegen.
Gediegener Nachrichtenstil
Früher konnte Helmut Frei seine Bestandsaufnahme katholischer Druckerzeugnisse noch mit dem ironischen Titel versehen: "... und das Wort ist Papier geworden". Heute wird in fast allen Blättern ein gediegener Nachrichtenstil gepflegt, man bleibt thematisch vor Ort, meist in der Region, und der Papst kommt auch nicht öfter ins Bild, als ihm und den Lesern guttut.
Die Marktforschung, die einst in den Kirchenzeitungen die Fortsetzung des Gottesdienstes mit publizistischen Mitteln sah, hat ihnen mittlerweile attestiert: angenehm zu lesen, unterhaltsam, klare Sprache, gute Kommentare und optisch ansprechend. Titel wie "Gottes Melodie singen", "Der Dreiklang liegt den Frommen am Herzen", "Gesungener Glaube geht ins Herz" sind selten geworden. Einst waren sie die Regel.
Geschlossene Gesellschaft
Aber etwas fehlt. Und es bleibt Kritisches anzumerken. Für viele Kirchenzeitungen ist die katholische Welt eine geschlossene Gesellschaft, so als fände man die Themen in einer Blackbox, während die Umwelt draußen vor der Tür wartet. Schon vor Jahren monierte Bischof Kampe: "Unsere eigene katholische Publizistik hat immer noch etwas Ängstliches und schlecht Gelüftetes an sich." Die Themen könnten heller, klarer sein, die Blätter müßten sich freier entfalten. Nur so ist die gewünschte und auch gewollte Orientierung des Lesers zu schaffen.
Zwar wird die Ratgeberfunktion auf praktischen Gebieten durchaus wahrgenommen; was noch fehlt; ist ein Sinnratgeber. Die relevanten Themen unter katholischem Aspekt zu beschreiben, zu erklären - das wäre die originäre Aufgabe einer Kirchenzeitung, nicht die Nabelschau in den eigenen vier Wänden. Marktforscher haben herausgefunden, was die Leser von einer Kirchenzeitung erwarten: nah am Menschen zu sein und nicht zu nah an der Institution Kirche. Katholiken wollen Meinung zu strittigen Themen wie Sexualität, Zölibat, Priesterinnen, wollen Orientierung aus katholischer Sicht.
In Italien nur ein Blatt
Bischof Lehmann hat prophezeit, daß es nach der Fortsetzung des Konzentrationsprozesses in der Branche nur noch drei bis sechs größere Regionalblätter geben werde. In Italien gibt es statt der Bistumspresse ein einziges Kirchenblatt, die "Famiglia Cristiana", mit einer Auflage von knapp einer Million. Auch die Schweiz leistet sich ein Unikat. Österreich dagegen ist den deutschen Weg gegangen: viele kleine Blättchen. Die kleinste Kirchenzeitung in Deutschland kommt aus Hamburg, 7000 Exemplare, die größte (Münster) verkauft 128.000 Exemplare.
Der Wildwuchs unter den vierundzwanzig Bistumszeitungen macht sich äußerlich fest an ihren unterschiedlichen Formaten. Sieben von ihnen kommen wie ein Magazin daher, vier ähneln der "Bild am Sonntag", der Rest präsentiert sich im gängigen Zeitungsformat. Was allen gemein ist: das oft schlechte Papier. Und da alle in Farbe drucken, was wegen des Papiers schlecht aussieht, erinnern etliche Blätter an billige Kundenzeitschriften à la Aldi.
Haarersatz und Meßwein
Dabei sind die Zeitungen gar nicht so billig: Die Verkaufspreise schwanken um einen Euro, Passau ist mit 80 Cent am billigsten, Fulda und Limburg sind mit 1,50 Euro am teuersten. Das kümmerliche Anzeigengeschäft unterstreicht den sparsamen Auftritt. Wenig Markenartikel, mehr Jacobus-Schwedenkräuter, Grabpflege, Bestattungen, Altersheime, Hörakustik. Immerhin wird im Paderborner Blatt, es nennt sich passend dazu "Dom", neben Kirchenorgeln und Haarersatz auch Meßwein angeboten.
Konkurrenz hätte eine starke, einzigartige Kirchenzeitung nicht zu fürchten. Für die Kleininformationen vor Ort gibt es die Pfarrblätter, in denen man Termine zu lokalen Veranstaltungen, zu Gottesdiensten findet. Sie sind zur Zeit die Hauptinformationsquelle der Pfarrgemeinde. Dann folgen schon die Bistumszeitungen (mit vierzehn Prozent der Nennungen) und erst dann die Bibel mit zehn Prozent. Nur drei Prozent nutzen die Internetseiten der Kirche als Info-Quelle.
Ausnutzen von Synergien
Seit Jahren bemüht sich die Medien-Dienstleistungs GmbH (MDG), eine Art McKinsey der katholischen Kirche, um Verbesserung der publizistischen und wirtschaftlichen Situation bei den Kirchenzeitungen. Mit Erfolg. Die Medienprofis aber wissen: Besser geht das mit Hilfe von Konzentration über die - zumindest regionale - Zentralisierung der vierundzwanzig Einzelgänger. Inhaltlich wäre die Vereinigung leicht zu schaffen, denn alle haben denselben Auftrag: dem Leser Orientierung zu bieten. Und verlegerisch müßten die sakralen Verlage das nachholen, was in den säkularen allerorten schon praktiziert wird, nämlich das Ausnutzen von Synergien: Gleiche Arbeit von mehreren könnte schlagkräftig gebündelt werden.
Dazu müßten die Formate angeglichen, der Vertrieb koordiniert, das Anzeigengeschäft verbessert werden, und beim Druck müßte die größere Auflage finanzielle Vorteile bringen. Das hat die NOV - mit Hilfe der MDG - bereits hinter sich. Jetzt wird mit der Verlagsgruppe Bistumspresse die obere Hälfte auf der Landkarte der bundesrepublikanischen Bistumspresse angegangen, ein Markt von 175.000 Exemplaren. Aber Münster, Köln, Paderborn und Essen schauen erst einmal zu. Der Kostendruck dürfte jedoch auch hier die Augen weiter öffnen. Und der etwas sperrigere Süden der Republik wird sich letztlich dem Zusammenschluß nicht verweigern. Die Erfahrungen von Augsburg, Regensburg und Berlin, die sich zur "Katholischen Sonntagszeitung" zusammengeschlossen haben, könnten den Prozeß noch beschleunigen.
Barmherzige Kirche
Gegen alle Widerstände kämpft der allzeit optimistische MDG-Chef, Heiko Klinge. Da gibt es erst einmal den Föderalismus im Episkopat. Die eigensinnige Stoiber-Attitüde ist auch unter Deutschlands Bischöfen populär. Wer will schon auf sein Hausorgan verzichten, kann er doch damit so manche Fäden spinnen, koste es, was es wolle. Wie lange das noch finanzierbar ist, das ist wohl nicht die Frage. Und dann sind da noch die 325 Mitarbeiter, die Rationalisierung scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Dabei brauchten sie keine Existenzangst zu haben. Kaum eine Institution ist so barmherzig wie die Kirche, sie läßt niemanden im Stich: mit ein schöner Grund für so manch finanzielles Dilemma.
Zu allem Überfluß haben einige der Kirchenzeitungsverlage auch noch ihre eigenen Druckereien oder sind an einer beteiligt. So was verhindert Kostenvorteile für alle. Und schließlich gibt es die Fundamentalisten unter den Betroffenen, die das eigene Profil in einer Kooperation verschwinden sehen. So schreibt Johannes Seibel in der Tagespost: "... in dieses Gesicht haben sich Traditionen eingegraben." Das Gesicht, das Mitarbeiter Seibel meint, gehört dem "Pilger", der Speyrer Kirchenzeitung, gegründet vor 156 Jahren.
Ein Modell für alle
Der Zeitungsmacher Klinge ist geübt in "Grabenkämpfen". Als Lanze hat die MDG jetzt ein Muster, einen Dummy, entwickeln lassen, der unter dem Namen "Der Sonntag" als Spielmaterial, als Modell für alle, die guten Willens sind, gedacht ist. Es ist von der norddeutschen Armada akzeptiert und von der Publizistischen Kommission der Bischofskonferenz abgesegnet. Man tagte dieser Tage - und "Der Sonntag" fand einhellige Zustimmung.
Ob es sonntags künftig einen neuen Auflagenmillionär geben wird? Helmut Haimerl, der für die MDG dieses Projekt betreibt und verfolgt, ist optimistisch: "Leere Kassen haben auch ihr Gutes. Sie zwingen zur Einsicht." Vielleicht hat ja MDG-Haimerl da einen Verbündeten, den Heiligen Geist.